Kein X für ein O: die Psychologie der Figurtypen: H
Nach dem Auftakt zur A-Figur widme ich mich heute einem Figurtyp, der oft unterschätzt, falsch eingeordnet oder schlicht übersehen wird: das schöne, gerade H. Dieser Figurtyp ist gekennzeichnet durch Schultern und Hüften von etwa gleicher Breite sowie eine wenig ausgeprägte Taille. Die Silhouette wirkt insgesamt gerade, klar und ruhig. Bauch, Po und Oberschenkel zeigen wenig Rundung, der Körper erscheint flächiger, reduzierter und manchmal auch androgyn. Kurven, falls vorhanden, treten eher punktuell auf, etwa in Form einer Oberweite.
Die H-Proportionen wirken dabei weder unweiblich noch maskulin, sondern zunächst einmal neutral. Und genau diese Neutralität scheint es zu sein, die die Gesellschaft immer wieder irritiert, weil sie sich den gängigen Zuschreibungen - ganz zu schweigen von den nervigen Klischees - komplett entzieht.
Wie jede Körperform wird natürlich auch die der H-Figur gedeutet, oft ganz unbewusst. Übrigens auch von Frauen, weil wir schließlich ebenso von den jeweiligen Schönheitsidealen manipuliert werden, auch wenn wir möglicherweise etwas anderes glauben. Allerdings wird die H-Figur weniger offen sexualisiert als andere Figurtypen, dafür häufig intellektualisiert, rationalisiert oder emotional entkoppelt. Frauen mit H-Figur werden nicht selten als sachlich, kühl, distanziert oder kontrolliert wahrgenommen, und zwar ganz unabhängig davon, ob diese Eigenschaften tatsächlich zutreffen.
Historisch betrachtet ist diese Zuschreibung kein Zufall. Während kurvige Körperformen über Jahrhunderte hinweg mit Fruchtbarkeit, Emotionalität und "Weiblichkeit" aufgeladen wurden, passte die gerade Silhouette nie recht in das patriarchale Ordnungssystem weiblicher Funktionalisierung. Sie war schwer einzuordnen und damit unbequem.
Alles Androgyne wurde kulturell immer wieder entweder idealisiert oder sanktioniert, selten jedoch neutral betrachtet. Frauen mit H-Figur bewegten sich damit häufig außerhalb klarer Rollenklischees. Ikonen der Androgynität wie Marlene Dietrich, Annie Lennox oder Grace Jones haben diese Ambivalenz sichtbar gemacht. Sie wirken heute noch kühl, stark und kontrolliert, und gerade wegen ihrer Uneindeutigkeit äußerst geheimnisvoll.
Im Übrigen glaube ich persönlich nicht, dass - wie ich in Kommentaren zu meinem letzten Post gelesen habe - heterosexuelle Männer im Allgemeinen unbewusst von Attributen wie weiblichen Rundungen oder breiten Hüften getriggert werden. Ich denke, dass wir alle - neben unseren durch individuelle Erfahrungen entstandenen persönlichen Vorlieben natürlich - mehr oder weniger "Opfer" einer gesellschaftlichen Manipulation sind, die bestimmte Körperformen schon immer idealisiert und andere eher missachtet.
Mal abgesehen davon, dass es mir letztlich eh wurscht ist, was Männer im Allgemeinen attraktiv finden, hält obige These global betrachtet ohnehin nicht stand, wenn man sich beispielsweise das weibliche Ideal in asiatischen Ländern wie Japan anschaut, wo die kurvige Frau à la Marylin Monroe traditionell noch nie als begehrenswert galt.
Und selbst in der "amerikanisierten westlichen Welt" wankt diese Theorie historisch betrachtet. Man denke nur an die Zwanzigerjahre: nach Hunger und Krieg galt plötzlich eine schmale, gerade, möglichst kurvenlose Silhouette als Inbegriff von Attraktivität - und zwar bemerkenswerterweise geschlechterübergreifend. Die Zeiten von Not und Entbehrung schufen auch dementsprechend kurvenlose Frauenkörper (und sehr schmale, fast schon hagere Männerkörper - heute bei all dem männlichen Fitnesswahn undenkbar!).
Und logisch, so wie die A-Figur historisch funktionalisiert wurde, wurde es auch die H-Figur - entweder gehypt oder (vor allem als "zu gerade", "zu wenig weiblich", "zu nüchtern") entwertet - je nach Mode, Laune, politischer und wirtschaftlicher Lage. Auch hier zeigt sich wieder mal, dass alles, was nicht eindeutig zugeordnet werden kann, entweder ignoriert oder korrigiert werden muss. Push-up-Zwang, künstliche Taillierung, ständige Betonung von Rundungen - wir alle kennen den Wahnsinn! - sind nicht unbedingt zufällige Modetrends, sondern eben auch Ausdruck eines kulturellen Unbehagens gegenüber neutralen, nicht klar lesbaren Körpern.
Wie auch beim A-Typ sollte genau hier meiner Meinung nach die Arbeit als Style-Coach ansetzen. Stil braucht keine Reparaturen, sondern Gestaltungsspielraum. Die Kundin mit der H-Figur muss nichts ausgleichen, nichts kaschieren, nichts optimieren und nichts "weiblicher machen". Sie darf entscheiden.
Wenn wir - wie in der Farbberatung - wieder vom Prinzip der Harmonie ausgehen, bedeutet das für die H-Figur nicht zwangsläufig Taillierung, sondern, dass Klarheit, Linien, Flächen und Proportionen bewusst eingesetzt werden, um entweder die Geradlinigkeit zu betonen oder gezielt zu brechen.
Grundsätzlich gilt beim Styling: die H-Figur verträgt Struktur, Reduktion und auch - falls gewünscht - weibliche Sinnlichkeit. Besonders schmeichelhaft für diesen Figurtyp sind klare, gerade Schnitte, Blazer, Westen, Hemden, Etui-Kleider, Shift-Kleider, Slip-Dresses, monochrome Looks und hochwertige, glatte Stoffe. Wer Kurven inszenieren möchte, kann dies durch schmale, körpernahe Schnitte, tiefe Ausschnitte, offene Schultern und Taillengürtel als bewusstes Stilmittel tun.
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| Die Geradlinigkeit betonen oder aus einem H ein X zaubern: beides geht bei der H-Figur ohne Weiteres |
Weniger hilfreich sind bei diesem Figurtyp übermäßige Rüschen und Volants, zufällige Taillenakzente ohne Konzept und/oder extrem verspielte Details ohne Gegengewicht. Accessoires dürfen gerne grafisch, klar und bewusst gewählt sein, also lieber Statement-Schmuck als Zierlichkeit, lieber Struktur statt Dekoration.
Hier das Ganze nochmal zusammengefasst:
Die typische H-Figur hat keine Extreme, und genau deshalb kann sie alles sein: intellektuell, sinnlich, kühl, geheimnisvoll, elegant oder radikal schlicht. Ich hoffe, dieser Teil meiner Psychologie der Figurtypen hat euch ebenso zum Nachdenken angeregt wie der erste.
Bleibt neugierig, kritisch - und vor allem gnädig mit euren Körpern.
(Bilder und Fotos: Avatare von mir, alle anderen von Pixabay)










Ist doch klasse wenn nichts muss, aber alles sein darf. Ich finde unabhängig von allen Figurtypen es auch okay, wenn jemand nicht immer vorteilhaft gekleidet sein möchte. 😅 Aber das ist schon selten, eigentlich erzeugt eine vorteilhafte Kleidung oft Hsrmonie, nicht nur am Körper. Deine Tipps sind wunderbar und i h liebe Deine Zeichnungen und die Art Deiner Erklärung. 😁
AntwortenLöschenIch wünsche Dir einen wunderschönen Sonntag, liebe Grüße Tina
Ja, der weibliche Körper wurde und wird immer irgendwie bewertet und auch gedeutet. Schlimm war es schon immer, ich weiß nicht, ob es heutzutage noch schlimmer ist mit all den Medien, die schon jungen Mädchen soviel vorgaukeln. Ich denke dabei auch an meine Enkelinnen, die hoffentlich soviel "Selbst"bewusstsein entwickeln, dass sie ihre eigene Harmonie finden. Denn das leuchtet mir sofort ein, dass frau sich so kleiden möchte, dass sie in Harmonie mit sich ist und sich wohlfühlt.
AntwortenLöschenWie sehr sie dabei ihren Figurtyp berücksichtigt ist ihre Entscheidung.
Deine Erklärungen sind wie immer sehr schlüssig und lassen Freiraum.
Das gefällt mir.
Heute könnte ich mich total verkleiden, ist ja Fasching. Aber dann wäre ich grade heute nicht in Harmonie mit mir... total blöd. :-)
Die Enkelinnen kommen morgen bestimmt verkleidet zum Kinder-Rosenmontagszug und mal sehen, ob ich dann die kleinen Teufelshörnchen anzieh, danach wär mir...
Nürnberg Aha!
Herzlich, Sieglinde
Stil braucht keine Reparaturen, was für ein wahres Wort! Wir sind heutzutage zum Glück rel. frei zu tragen, was uns gefällt und können / sollen gnädig mit unserem Körper sein, jaaa!
AntwortenLöschenEin super informativer Beitrag! Du regst mich sowieso immer zum Nachdenken an und heute besonders, denn ich sehe mich als H. Es hat mich auf den 1. Blick zwar überrascht, aber du hast die Merkmale und Tipps so schön dargestellt und ich fühle, das bin ich eh schon immer. Wir wissen meist eh instinktiv oder durch Erfahrung, was uns steht oder nicht. Kurven können beim geradlinigen H Typ nicht nur an der Oberweite, sondern auch am Bauch sein, also eher vorne als seitlich... Ich hatte übrigens in der Schwangerschaft vor langer Zeit den Bauch nur vorne, von hinten sah man ihn nicht ;-)))
Gewichtszunahme zeigt sich bei mir auch am Bauch als erstes (ich schreibe nicht "leider", weil das eine Bewertung ist, was ich nicht mag).
Alles ist gut, danke dir für deine Tipps, ich bleibe dran und wünsche dir einen schönen Restsonntag!