Sunday Colors: das gibt's auf keinem Schiff
Oh, wie oft hab ich mir die Frage gestellt, was gewesen wäre, wenn ich eine andere Berufswahl getroffen respektive - wie man gerade bei Sozialpädagogen immer so schön sagt - "was G'scheids gelernt" hätte? Eine Berufung ganz ohne Stoppschilder, dafür mit immer weiter mäandernden Wasserwegen...?
Der Traum von der Bootsfrau soll natürlich jetzt weniger als konkrete Jobidee denn vielmehr metaphorisch verstanden werden. Langsam über stille Kanäle gleiten, irgendwann das offene Meer erreichen, Worte nur dann benutzen, wenn sie wirklich etwas zu sagen haben. Ein Leben nach Regeln, die niemand erfunden hat, sondern die einfach von Natur aus gelten: Wind, Wasser, Wellen, Gezeiten. Vielleicht ist Freiheit genau das - nicht alles festhalten zu wollen, sondern sich treiben zu lassen, wohin der Strom eben fließt...?
Na ja. Oder so. In der Rückschau sehe ich manches heute erstaunlich nüchtern. Zum einen hätte ich mit meinen Talenten und eben auch mit meinen Unfähigkeiten dieses andere Leben gar nicht führen können. Es wird ja niemand versehentlich Bootsfrau. Des Weiteren hat mich mein Kurs ziemlich genau dorthin gebracht, wo ich heute stehe, und dafür bin ich ehrlich und tief dankbar. Und außerdem (und das ist wirklich entscheidend) bin ich davon überzeugt, dass ich heute genau das tue, was ich eigentlich immer schon am Besten konnte.
Denn wenn man so will, steh ich doch jeden Tag an Deck und dreh am (Steuer-)Rad. Oft genug schrubbe ich auch die Holzplanken, und zwar nicht die eines eleganten Kreuzfahrtschiffes mit poliertem Messing und Sonnenuntergang am Horizont, sondern eher die eines ausgesprochen merkwürdigen, beinahe sinkenden Kahns in ständiger Schieflage mit multiplen, hochdynamischen Leckagen, welche nahezu im Minutentakt abzudichten sind, aber he, was soll's.
Kein Schul- aber ein HPT-Schiff, welches gleichzeitig auf allen sieben Meeren dahinschippert, jede bekannte nautische Logik ignoriert, ohne Vorwarnung und mitten im Raum an einem ganz normalen Dienstag völlig abdreht. Der Kapitänsplan hängt zwar aus, wird aber von der Besatzung kollektiv ignoriert.
Tja, und während irgendwo mal wieder Wasser eindringt, tauchen an anderer Stelle neue Lecks auf, die zu stopfen sind. Einen ordentlichen Kurs gibt's sowieso nicht, weil die Mannschaft darauf besteht, dass das Ruder heute eigentlich nur zu dekorativen Zwecken genutzt wird. Genau wie die Rettungsboote übrigens. Ts.
Manchmal, wenn ich im Ölzeug völlig durchnässt am Steuer stehe und verzweifelt versuche, die Balance zu halten sowie trotz des heftigen Sturms Zuversicht zu verströmen, denke ich mir natürlich schon "Hätt ich doch bloß was G'scheid's gelernt!" Aber dann löst der hohe Wellengang sich in Nichts auf, die Sonne blitzt durch die Sturmwolken, die See wird wieder ruhiger und trotz aller Absurdität funktioniert alles doch irgendwie. Das ist dann auch schön.
Die Crew und der Kapitän sind natürlich hochkompetent und davon überzeugt, dass Backbord rechts und Steuerbord links ist - pädagogisch gesehen zumindest - was ich stoisch zu ignorieren versuche. Na kommt schon, vor allem bei Sturm und tosenden Wellen heult der Wind doch immer so laut - wie soll ich die Anweisungen da verstehen? Hal-lo, am Ende lenke ich den Kahn eh meistens in den sicheren Hafen, was wollen die also immer von mir...? 😂
Aber während die jungen Passagiere im Minutentakt zwischen Tiefseeforschung und spontanen Sprüngen von der Reling wechseln, entfährt mir regelmäßig der Ausruf "Das gibt’s doch auf keinem Schiff!!!" Im Ernst. Die Regeln an Bord scheinen eher als freundliche Empfehlung zu existieren, Zuständigkeiten lösen sich bei Kontakt mit Realität schlagartig auf, und Kommunikation folgt einem streng geheimen Code, der irgendwo zwischen Pantomime und Walisch angesiedelt ist.



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