Wohnen in Helsinki: KAUPUNKILOMA

Willkommen zurück zu meiner kleinen, bescheidenen Reise-Serie "Finnisch lernen mit Farbwunder" 😂. Nein, natürlich heißt die Serie nach wie vor "Wohnen in Helsinki". Aber ab und zu sollte man ja auch einmal das Gewohnte verlassen - wenngleich nur für kurze Zeit. Also machte ich für drei Tage und zwei Nächte einen sogenannten KAUPUNKILOMA.

Tja, wieder so ein finnischer Begriff, der diesmal allerdings ganz harmlos einfach Städteurlaub bedeutet. Eine finnische Lebensphilosophie steckt diesmal wohl nicht dahinter… außer vielleicht die, dass es auch für Finnen manchmal ganz angenehm sein kann, an einem Ort zu weilen, an dem gelebte Gegensätze, eine noch spannungsreichere Geschichte und - sagen wir mal - vergleichsweise erschwinglicher Alkohol aufeinandertreffen.

City Alko oder Super Alko sind die angeblich beliebtesten Läden für Finnen:
wegen der wesentlich geringeren Alkoholsteuer lohnt sich allein dafür
für viele Hauptstadt-Bewohner ein Tagestrip nach Tallinn.
Und wer kein Auto hat, schnallt sich die Ausbeute eben auf den Rollwagen...😂

Als ich meinen diesjährigen Urlaub plante, war ich zunächst tatsächlich unschlüssig, ob ich die vier Wochen in Helsinki oder Tallinn verbringen sollte. Letztendlich entschied ich mich für Helsinki - und bin darüber inzwischen wirklich froh.

Denn so sehr mich das mittelalterliche Tallinn fasziniert und beeindruckt hat: die Altstadt war mir dann doch erstaunlich touristisch. Und vor allem hatte ich das Gefühl, von meinen eigenen Landsleuten geradezu überschwemmt zu werden. Was allerdings kein Zufall ist, denn das ehemalige Reval hat nicht nur einen ausgesprochen hübschen, pittoresken Altstadtkern, sondern auch eine jahrhundertelange Verbindung zum deutschen Sprach- und Kulturraum.

Bereits im 13. Jahrhundert kamen deutschsprachige Kaufleute nach Tallinn. Die Stadt erhielt 1248 das Lübecker Stadtrecht und wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts Mitglied der Hanse. Über Jahrhunderte bestimmten vor allem die Deutschbalten das städtische Leben, Handel, Verwaltung und Kultur maßgeblich mit. Und deshalb wirkt Tallinn an manchen Stellen tatsächlich verdächtig vertraut. Die Architektur der Altstadt ist stark von der mittelalterlichen norddeutschen und hansischen Stadtkultur geprägt

Politisch war Estland allerdings keineswegs einfach jahrhundertelang "deutsch". Nach der dänischen Eroberung Tallinns 1219 wechselten die Machtverhältnisse mehrfach. Teile des heutigen Estlands standen unter dänischer, livländischer und später unter schwedischer und russischer Herrschaft. Die deutschsprachige Oberschicht behielt dabei über lange Zeit erheblichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einfluss.

1561 kam Tallinn unter schwedische Herrschaft. Diese Epoche gilt in Estland bis heute als die "gute schwedische Zeit", vor allem im Vergleich zu dem, was danach kam. Unter den Schweden wurden unter anderem Bildung und Verwaltung weiterentwickelt; 1632 gründete König Gustav II. Adolf die Universität Tartu.

Im Großen Nordischen Krieg fiel Tallinn 1710 dann aber an das Russische Kaiserreich. Mit dem Frieden von Nystad 1721 wurde die russische Herrschaft über die baltischen Gebiete schließlich auch völkerrechtlich besiegelt. Und dann dauerte es noch einmal fast zwei Jahrhunderte, bis Estland 1918 endlich seine Unabhängigkeit erklärte.

Leider war die Freude von eher überschaubarer Dauer. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 geriet das kleine Land zunächst in die sowjetische Einflusssphäre. Die Sowjetunion zwang Estland noch 1939 zu einem sogenannten Basenvertrag und besetzte das Land im Juni 1940. Es folgten Repressionen, Verhaftungen und Deportationen. Im Juni 1941 wurden mehr als 10.000 Menschen aus Estland nach Sibirien deportiert.

1941 wurde die sowjetische Besatzung durch die deutsche Besatzung abgelöst, die bis 1944 dauerte. Auch diese Jahre waren von Gewalt, Verfolgung und Mord geprägt. Die jüdische Gemeinde Estlands wurde nahezu vollständig ausgelöscht1944 kehrte die Rote Armee zurück und Estland geriet erneut unter sowjetische Herrschaft. Es folgten Jahrzehnte der Repression, der Russifizierung und einer massiven Zuwanderung aus anderen Teilen der Sowjetunion.

Bis Ende der 1980er Jahre. Dann wurde gesungen. Und zwar ziemlich laut. Während der sogenannten Singenden Revolution versammelten sich Hunderttausende Esten zu friedlichen Demonstrationen und gemeinsamen Gesängen. Die berühmte Baltische Kette von 1989, bei der sich rund zwei Millionen Menschen über Estland, Lettland und Litauen hinweg zu einer menschlichen Kette verbanden, wurde zu einem der eindrucksvollsten Symbole des Unabhängigkeitswillens.

Am 20. August 1991 stellte Estland seine Unabhängigkeit wieder her. Nicht als völlig neuen Staat, sondern ausdrücklich als Wiederherstellung der bereits 1918 gegründeten Republik. Und vielleicht erklärt genau diese Geschichte ein bisschen, warum Tallinn heute gleichzeitig so leicht und so schwer wirken kann. Man läuft durch wunderschöne mittelalterliche Gassen, schaut auf bunte Gebäude, Türme und alte Kaufmannshäuser - und gleichzeitig ist da überall diese Erinnerung daran, dass dieses kleine Land zwischen großen Mächten jahrhundertelang immer wieder zum Spielball fremder Interessen wurde.

Seit 2004 ist Estland übrigens Mitglied der EU und der NATO, seit 2011 gehört es zum Euroraum. Und heute gilt das Land als eines der digital fortschrittlichsten Europas. Was für ein Tempo!

Apropos Tempo: gerade mal kurzweilige zweieinhalb Stunden dauert die Überfahrt von Helsinki über den Finnischen Meerbusen nach Tallinn, und trotzdem kommt man gefühlt in einer völlig anderen Welt an. Während Helsinki geradlinig, reduziert, nordisch und vergleichsweise ruhig anmutet, empfängt einen Tallinn mit halsbrecherischem Kopfsteinpflaster, Türmen, prächtigen Fassaden, leuchtenden Farben, verwinkelten Gassen, auf denen ordentlich was los ist. Mittelalterlich. Einerseits. Andererseits ist Tallinn außerhalb der alten Stadtmauer unglaublich modern, jung und hip. Und genau diese Gegensätze machen die Stadt so interessant.

Trotz der wirklich hochspannenden Geschichte hatte ich allerdings noch eine ganz andere Mission zu erfüllen. Inzwischen wisst ihr vielleicht, dass ich nicht nur eine bekennende Urlaubs-Shopperin bin - denn da hab ich schließlich ausreichend Zeit und Muße für solche wichtigen Tätigkeiten - sondern mir aus jedem neuen Reiseland (mindestens) eine Ländertatsche als Souvenir mitnehme.

Man könnte auch sagen: ich hab einen kleinen Taschenspleen. Allerdings beschränkt sich diese Sucht fast ausschließlich auf Urlaubssouvenirs, was es doch gleich irgendwie seriöser macht 😇. In Helsinki lag es natürlich nahe, bei Marimekko fündig zu werden. Für Estland hatte ich zuvor im Internet nach etwas Vergleichbarem gesucht, aber nichts entdeckt, das mich wirklich angesprungen hätte.

Bis ich den Balti Jaama Turg entdeckte, den Markt am Baltischen Bahnhof. Der Markt erstreckt sich über drei Etagen und ist eine ziemlich spannende Mischung aus Lebensmittelmarkt, Street Food, Geschäften, Vintage, Antiquitäten, Design und estnischem Kunsthandwerk.

Unten gibt es unter anderem einen Supermarkt und verschiedene Dienstleistungen, im Erdgeschoss Lebensmittel, Fisch, Fleisch, Gemüse und eine Street-Food-Zone. Dort habe ich übrigens ausgesprochen leckere vegane "Hähnchensticks" gegessen.

Für mich besonders interessant war aber die zweite Etage. Denn dort versammeln sich estnisches Design und Kunsthandwerk, Kleidung, Vintage und Antiquitäten. Und genau dort fand ich meinen Schatz, eine Tasche von Trendbag. Das Besondere daran: für die Taschen werden Stoff- und Lederreste aus der lokalen Möbelproduktion verwendet. Also keine Materialien, die extra für die Taschenherstellung produziert wurden, sondern Stoffe und Leder, die ursprünglich für Sofas und Sessel gedacht waren und dort übrig bleiben.

Was für Möbel gemacht ist, muss schließlich einiges aushalten. Und genau das merkt man der Tasche auch an: Sie ist robust, praktisch und gleichzeitig ein ziemlich individuelles Stück estnischen Upcycling-Designs. Perfekt für meine Sammlung. Und dann auch noch in einer wunderschönen Herbstfarbe. Ihr wisst ja: Im Alltag mag ich am liebsten große, praktische Taschen, die man bequem crossbody tragen kann. Und so hatte ich meine estnische Tasche gefunden, die am nächsten Tag mit mir zurück über die Ostsee nach Helsinki durfte.









OUTFIT:
Hose, Schuhe, Sonnenbrille: 
kennt ihr jetzt schon...! 😂
Tuch: H&M
Pulli: Zara
Tasche: TRENDBAG aus Tallinn, Estland

LOCATION:
Park in Tallinn

Kommentare

  1. Moi, rakas Maren,

    die Finnen haben es aber mit ihren Omas!
    Oma hier , Oma dort, find ich gut, ich mochte meine Oma sehr.

    Ei ei ei, SuperAlko, das sagt schon alles.

    Tallinn ist eine pittoreske Stadt, sieht sehr schön aus auf den Fotos. Wenn es aber zu touristisch ist, dann krieg ich nach 2 Stunden die Krise und muss raus in menschenleerere Regionen.
    Vielen Dank für die interessant aufbereitete Geschichtsstunde. :-) So macht Geschichte lernen dann auch Spaß.

    Die 2 1/2 stündige Überfahrt genossen, das glaub ich dir gern!! Das hätte ich auch bei dem Wetter.

    Ja, und das Taschenparadies, das liebe ich auch. Ich liebe recyclte Taschen oder wie in deinem Fall Reste-Taschen, die ja überhaupt nicht nach Resten aussehen. Da hätte ich es dann nicht bei einer belassen können, das sag ich dir. ;-)
    Überhaupt, dieser Markt, der sieht ja fantastisch aus, oh Mann.

    Ach, Maren, die Tasche hat schon ihre erste See-Reise hinter sich und du 2 Wochen Urlaub und wir schöne Berichte. :-)
    2 Wochen hast du noch vor dir und ich muss sagen, von deinen Urlaubsdestinationen gefällt mir Helsinki bis jetzt am besten (toppt sogar London).

    Pysy rauhallisena ja jatka eteenpäin.
    Claudia

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  2. Was für ein Gegensatz zu Helsinki. Tallinn ist da anscheinend ganz anders. Ja, sehr von Deutschtum beeinflusst war das alte Tallinn, und leider auch dazwischen wieder, und auch von sonstigen bösen Mächten unterworfen und schikaniert. Viele Flüchtlinge hatten hier bei uns in der Stadt Unterkunft gefunden, ich kenne einige davon.
    Wie gut, dass die Menschen heute dort anders leben können, wenn auch im unguten Schatten Russlands...
    Sie sind sehr modern geworden. Quasi hinkatapultiert ins digitale Zeitalter und den Tourismus.
    Umso schöner ist, dass Du dort solch eine wunderbare Tasche gefunden hast. Auch modern, da Upcycling, aber im Schnitt eine wahre Boten-Tasche, wie sie auch im alten Tallinn getragen hätte werden können.
    Die Farbe ist grandios und die Größe wahrlich auch.
    Sehr guter Kauf, liebe Maren. Sie passt toll zu Deinem Look und Deiner Taschensammlung.
    Der Urlaub im Norden steht Dir einfach wunderbar!
    Herzliche Grüße aus dem Süden schickt
    Sieglinde

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  3. Vielen Dank für die Einführung in die wechselhafte Geschichte Tallins und die tollen Bilder. Dieser Obststand in der Markthalle kann durchaus mit dem in unserer Markthalle mithalten, diese Melonen 😋
    Dein Outfit mit der neuen Tasche gefällt mir sehr gut, diese rotstichigen Blautöne deiner Kleidung und dazu Tasche und Ring in orangetönen, da merkt man, dass die Fachfrau am Werk war.
    Ist veganes Essen in Helsinki auch so verbreitet wie in München? Oder wagst du dich an regionale Spezialitäten?
    Weiterhin eine erholsame Zeit, Sula

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