Sunday Colors: Sinn

Es gibt diese Momente in meinem Arbeitsleben, die mich an den Rand der Verzweiflung bringen könnten: zum Beispiel, wenn nach einer ohnehin schon langen und stressigen Arbeitswoche noch ein zusätzlicher Ausflugs-Samstag anfällt, an dem ich eine Meute nölender und streitlustiger Kids bespaßen, Ruhe, Zuversicht und gute Laune verbreiten soll, während es in sechs Stunden noch nicht mal ein winziger Schluck Kaffee in meine müde, alte Blutbahn schafft, weil dafür einfach keine Zeit bleibt. Da frag ich mich schon manchmal, äh... alles mögliche. Zum Beispiel: Hä??!

Na ja. Aber ich glaube, dass Menschen erstaunlich viel ertragen können, solange sie das Gefühl haben, dass es für etwas gut ist. Sinn wirkt also ein bisschen wie ein inneres Gravitationszentrum. Er verhindert, dass das eigene Leben völlig auseinanderfliegt. Er ordnet die Anstrengungen des Alltags und gibt selbst absurden Situationen zumindest den Anschein einer höheren Bedeutung.




Viele Tätigkeiten sind objektiv betrachtet ziemlich banal. Jemand beantwortet E-Mails. Jemand sortiert Daten. Jemand repariert Rohre. Jemand fährt Pakete aus. Jemand programmiert eine Software, die dann dreimal täglich abstürzt. Und trotzdem macht es einen riesigen Unterschied, ob man denkt: "Ich verschwende hier gerade meine Lebenszeit" oder "Vielleicht erleichtere ich damit irgendwem den Tag".

Interessant ist dabei, dass Sinn erstaunlich wenig mit Prestige zu tun hat. Manche Menschen in hoch angesehenen Berufen wirken innerlich wie ein leerer Druckerpapierkarton, während andere in völlig unspektakulären Tätigkeiten eine echte Würde ausstrahlen. Vielleicht, weil Sinn weniger davon abhängt, was man tut, sondern ob man sich als Teil von etwas Größerem erlebt.



Der Gedanke, anderen zu helfen, scheint dabei besonders kraftvoll zu sein. Zumindest bei mir ist es so. Vermutlich, weil Menschen halt doch in irgendeiner Weise soziale Wesen sind und keine besonders erfolgreichen Einzelgänger. Selbst ich nicht, obwohl ich mir das immer einbilde. Denn sobald ich merke, dass mein Handeln reale Auswirkungen auf andere hat, verändert sich etwas in mir. Es macht Freude.

Und ich rede hier selbstverständlich nicht von heroischer Selbstbeweihräucherung. Ein sinnerfülltes Leben besteht nicht aus spektakulären Heldentaten, sondern vielleicht daraus, zuverlässig zu sein, jemandem mal wirklich zuzuhören, gute Arbeit zu machen, Verantwortung zu übernehmen oder wenigstens nicht allzu gravierend zur allgemeinen Verschlechterung der Weltlage beizutragen.

Außerdem muss Bedeutung nicht einmal immer für andere entstehen. Manchmal reicht es völlig, wenn einen etwas selbst zufrieden macht. Wenn man am Ende des Tages das Gefühl hat: na gut. Heute war ich vielleicht müde, genervt und latent auf Koffeinentzug, aber immerhin kein vollständiger Trottel.

Sinn kann nämlich auch ziemlich anstrengend werden - besonders dann, wenn er ausschließlich von außen kommt. Also wenn man sich nur dann wertvoll fühlt, sobald andere einen brauchen, loben oder am besten direkt applaudieren. Ihr kennt sicher diese Menschen, die einem permanent bestätigungsheischend hinterherlaufen und ungefragt ihre neuesten Heldentaten präsentieren, bis man ihnen irgendwann aus purer Erschöpfung metaphorisch über den Kopf tätschelt wie einem übermotivierten Golden Retriever, nur, damit sie einen endlich wieder in Ruhe weiterarbeiten lassen. Wirklich unfassbar nervig.


Vermutlich braucht ein halbwegs stabiles Leben deshalb beides: ein kleines bisschen das Gefühl, für andere bedeutsam zu sein - aber vor allem die Fähigkeit, sich auch dann noch für wertvoll zu halten, wenn gerade niemand klatscht, jubelt oder einem einen imaginären Orden umhängt.

Das Gefühl, dass nicht immer alles maximal wichtig und unersetzlich sein muss. Auch man selbst nicht. Dass man keinen Baum gepflanzt, kein Startup gegründet und keine Legacy hinterlassen haben muss. Manchmal genügt es schon vollkommen, einfach kein allzu unangenehmer Mensch gewesen zu sein.

Philosophisch betrachtet ist Glück ohnehin ein seltsames Konzept. Viel zu flüchtig, um daraus ein Lebensziel zu machen. Es taucht meistens unerwartet auf, bleibt kurz sitzen und verschwindet wieder, ohne sich zu verabschieden. Sinn dagegen ist robuster. Er trägt oft gerade durch die Phasen, die eigentlich überhaupt nicht glücklich sind. Rückblickend erinnern sich viele Menschen nicht an die bequemsten Zeiten ihres Lebens, sondern an jene, in denen sie Verantwortung getragen, etwas aufgebaut oder für jemanden da gewesen sind.

Vielleicht liegt darin das eigentliche Paradox: wer verzweifelt direkt nach Glück sucht, findet oft nur Enttäuschung und schlechte Podcasts über Selbstoptimierung. Wer sich dagegen ernsthaft einer Aufgabe, anderen Menschen oder einer Idee widmet, stolpert manchmal ganz nebenbei darüber. Man fühlt sich selten erfüllt, wenn man nur um sich selbst kreist. Oft beginnt Bedeutung genau dort, wo das eigene Leben für irgendwen einen Unterschied macht.


OUTFIT:

Kleid: Marc'o'Polo, über momox 2nd Hand (2025)
Blazer: Ichi (2024)
Tasche: Pip Studio, über DaSempre
Sonnenbrille: TkMaxx
Schmuck: DIY
Schuhe; 2nd Hand, über momox

LOCATION:

Wittelsbacher Brunnen, Rückseite

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