Sunday Colors: eine ganz normale Frau
Vor kurzem sagte einer meiner Schützlinge in der HPT zu mir: "Hmmm... Maren, du wirst eigentlich schon 58 - aber du siehst aus wie eine ganz normale Frau...!" 😂😂😂. Das war echt der Brüller des Monats. Trotzdem sich diese Aussage erstmal anhört wie ein etwas zweifelhaftes Kompliment oder ein Fall von Altersdiskriminierung, weiß ich ziemlich genau, dass er es nett gemeint hat. Und ehrlich gesagt bin ich sogar ein wenig erleichtert, dass ich offenbar zumindest noch normal aussehe.
Und sonst so? Das Schuljahresende nähert sich zwar stolpernd, aber dennoch mit Riesenschritten. Die Kids drehen alle ein wenig durch, wobei das für sich genommen nun wirklich nichts Besonderes ist. Seit ich in der Pädagogik arbeite, gehört der Wahnsinn in die letzten Schulwochen vor den Sommerferien ungefähr so zuverlässig zum Jahresablauf wie Lebkuchen zu Weihnachten.
Und da dies unter anderem auch ein inspirierender Modeblog sein könnte, stellt sich die interessierte Leserin bestimmt die Frage aller Fragen: was ist derzeit hip und angesagt - nicht nur auf den Laufstegen der Fashion-Metropolen, sondern auch in den Kinderbetreuungseinrichtungen im schicken München? Also, Baggy Pants rutschen den Jungs wieder wie in den Neunzigern über die Unterhose Richtung Knie, Schimpfwörter werden kreativ weiterentwickelt und sind ohnehin niemals out of fashion, während Rücksichtslosigkeit und Egomanie ein fulminantes Vintage-Revival feiern. Und Empathie... hmmm, momentan ungefähr so angesagt wie hautenge Skinny Jeans.
Kleine Machos mit hanebüchenen Vorbildern wechseln im Minutentakt zwischen Beschützen und Beleidigen von Mädchen. Offenbar ist diese vorsintflutliche "Hure oder Heilige"-Vorstellung genauso unkaputtbar wie weiße Tennissocken in Sandalen.
Und die meisten Mädels? Die benehmen sich derart übertrieben girlie-haft, dass es mir regelmäßig die Fußnägel aufrollt. Rosa Trinkflaschen, Schmollmund, Drama wegen jeder Kleinigkeit und ein permanenter Wettbewerb darum, wer gerade mit wem nicht befreundet ist. Natürlich gibt es Ausnahmen - zum Glück sogar ziemlich tolle. Aber manchmal frage ich mich ernsthaft, ob wir gesellschaftlich wirklich schon so wahnsinnig weit gekommen sind.
Ihr hört da eine gewisse Resignation heraus? Ach jaaaa. Zeit für meinen Sommerurlaub. Und trotzdem ich manches in diesen letzten Schulwochen vermutlich schwärzer sehe, als es tatsächlich ist, waren Kinder doch schon immer Seismographen ihrer Zeit. Sie denken sich erstaunlich wenig selbst aus. Sie beobachten. Sie imitieren. Sie lassen sich beeindrucken. Neben YouTuber-Sprüchen, Fußballstar-Gebaren und TikTok-Gesten übernehmen sie vor allem Tonfälle, Haltungen und Umgangsformen. Nicht unbedingt politische Meinungen - aber sehr wohl Verhaltensweisen.
Was mich inzwischen wirklich müde macht, ist das Gefühl, dass wir Pädagog*innen morgens oft die Scherben zusammenkehren, die manche hirnlose Erwachsene am Abend zuvor hinterlassen haben. In der Politik. In den sozialen Medien. In Kommentarspalten. Und manchmal leider auch zu Hause.
Kinder kommen schließlich nicht als kleine Machos oder Drama-Queens auf die Welt. Sie lernen, was sie sehen. Das Gute genauso wie das Schlechte. Aber dann kommt eben wieder so ein kleiner Philosoph um die Ecke, schaut mich nachdenklich an und sagt: "Du wirst zwar schon 58... aber du siehst aus wie eine ganz normale Frau."
Vielleicht ist genau das die eigentliche Superkraft von Kindern. Zwischen all dem Chaos, den fragwürdigen Trends und den übernommenen Unsitten schaffen sie es immer wieder, einen mit einem einzigen Satz gleichzeitig zu irritieren und zu trösten - und sich vor Lachen zu kugeln. Also nehme ich dieses herrlich schräge Kompliment einfach mit in den Sommerurlaub.
Und wenn mich dort jemand nach meinem Alter fragt, antworte ich ganz gelassen: "Fast 58. Aber offenbar trotzdem noch ganz normal." Mehr kann frau sich heutzutage doch eigentlich gar nicht wünschen. Außer vielleicht, dass Empathie im Herbst wieder in Mode kommt. Sie würde wirklich jedem stehen.
Liebe Maren,
AntwortenLöschenich finde, dass ist ein so schönes Kompliment, das dir gemacht wurde.
Im ersten Moment hört sich das vielleicht witzig und komisch an, aber ich glaub, da steckt noch vielmehr dahinter.
In heutigen Zeiten da wünscht sich doch fast jeder Normalität, nicht das große Verrückte (davon gibt es in der Welt leider viel zu viel). Und du bist eine Person, die das ausstrahlt, für die Kids - Normalität, Geborgenheit, Ruhe.
Mensch, Maren, so ein schönes Kompliment. :-)
Ich werde nie den Satz vergessen, den ich mal in einem Film mit Clint Eastwood gehört habe, ungefähr so:
" Am Ende des Tages möchte man doch nur auf seiner Veranda sitzen, ein Bier trinken und seinen Hund streicheln."
That's it.
Okay, in meinem Fall darf es auch eine Piña Colada und eine Katze !!! sein.
Streifenshirt und Fischanhänger !! bitte zu mir. :-)
Liebe Grüße,
durchhalten bis zu den Ferien,
ich rästel immer noch, wo es hingeht, Norwegen, Lofoten, Island?
Claudia
Diese ehrliche Kommunikation mit den Kindern vermisse ich… Diese rollenklischeehaften Verhaltensweisen nicht. Aber die bleiben, so lange die Gesellschaft eben patriarchal bleibt. Und ja, weit sind wir nicht gekommen, das sehe ich auch so…
AntwortenLöschenIch wünsche dir, dass du heil an Leib und Seele in die Sommerferien gelangst.
Sonntagsgrüße!
Astrid
Ich finde auch das ist ein schönes Kompliment in diesem Kontext. Bin da ganz bei Claudia. 💕
AntwortenLöschenIch muss aufs Outfit kommen, ich lieeeeeebe es. Das Shirt, klar ich werde von Streifen magisch angezogen und die Hose ist auch super. Ich liebe die Accessoires dazu, dein Ring ist mega und der Fisch hat hier eine verwandte Brosche.💕
Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag, liebe Grüße Tina
Hey, die Kids sind ja klasse. Haben wir uns nicht alle ausprobiert, als wir in dem Alter waren? Da war schräge Mode ebenso dabei wie coole Sprüche. Überhaupt waren wir die coolsten und die Alten blöd. Insofern verstehe ich den Spruch als großes Kompliment. Früher fand ich 40jährige schon alt.
AntwortenLöschenDu siehst übrigens sehr frisch aus in deinem Outfit.
Liebe Grüße
Sabine