Kein X für ein O: die Psychologie der Figurtypen: X


Nachdem ich Euch in den vergangenen Wochen bereits verschiedene Figurtypen vorgestellt habe, widmen wir uns heute einer Silhouette, die vermutlich jeder sofort vor Augen hat, wenn von einer "weiblichen Figur" die Rede ist. Kurven an den von der Allgemeinheit bestimmten "richtigen Stellen", eine schmale Taille und Proportionen, die seit Jahrzehnten als Schönheitsideal gefeiert werden.

Ich könnte diesen Post auch "Willkommen bei der Sexbombe!" nennen, wohlwissend um die Provokation dieser Aussage. Ich mach mir jedoch gar keine Sorgen, denn Ihr kennt mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass auch solche nicht ganz political korrekten Seitenhiebe natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint sind. 

Aber selbst wenn Frauen mit X-Figur sich mit ihrer Steuererklärung beschäftigen, an ihrer Doktorarbeit schreiben oder ihr Fahrrad reparieren, lässt sich nicht leugnen, dass kaum ein anderer Figurtyp von unserer Gesellschaft so unmittelbar mit Weiblichkeit, Sinnlichkeit und Attraktivität verbunden wird als die klassische Sanduhrfigur.

Schauen wir zunächst auf die Fakten. Der X-Figurtyp zeichnet sich durch ausgewogene Proportionen zwischen Schultern und Hüften aus. Dazwischen liegt eine deutlich erkennbare Taille, die der Figur ihre charakteristische Sanduhrenform verleiht. Hinzu kommen häufig eine vollere Oberweite, ein runder Po und feminine Hüften.


Interessant ist übrigens, dass dieser Figurtyp keineswegs zufällig bis heute als Inbegriff weiblicher Schönheit gilt. Vor allem in den 1940er- und 1950er-Jahren war die Sanduhrfigur das erklärte Schönheitsideal. Nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren sehnten sich viele Menschen nach Wohlstand, Geborgenheit und einer Rückkehr zur traditionellen Familie. Okay, für mich als Feministin wären die 50er sowas wie die Vorhölle gewesen, gleich nach dem Mittelalter, aber das ist ein anderes Thema...😂

Genau dieses vermeintlich heile und romantisierte Lebensgefühl spiegelte sich auch im Frauenbild wider: eine schmale Wespentaille, eine üppige Oberweite und feminine Hüften galten als Symbol für Gesundheit, Fruchtbarkeit und Lebensfreude. Designer wie Christian Dior machten mit seinem berühmten "New Look" die betonte Taille und weit schwingende Röcke weltberühmt, während Korsagen und Mieder wieder Hochkonjunktur hatten.




Die Filmstudios lieferten gleich die passenden Ikonen dazu. Marilyn Monroe, Sophia Loren, Jayne Mansfield oder Elizabeth Taylor verkörperten jene üppige Weiblichkeit, die damals als nahezu unerreichbares Ideal gefeiert wurde. Gleichzeitig entstanden die berühmten Pin-up-Girls: Frauen mit roten Lippen, schmalen Taillen, geschwungenen Hüften und einem koketten Lächeln, deren Bilder in unzähligen Werkstätten, Spinden und Soldatenunterkünften hingen. Interessanterweise zeigten diese Pin-ups im Vergleich zu heutigen Social-Media-Standards oft erstaunlich wenig Haut. Die eigentliche Erotik lag weniger in nackter Haut als vielmehr in der Betonung der weiblichen Silhouette.

Obwohl sich Schönheitsideale seitdem mehrfach komplett verändert haben - in den 1960ern dominierte plötzlich der extrem schlanke, fast androgyn wirkende Typ, später folgten Aerobic-Körper, Heroin Chic oder Instagram-Kurven - scheint sich die Sanduhrfigur hartnäckig in unserem kollektiven Gedächtnis gehalten zu haben. 


Auch heute noch hören viele Frauen mit X-Figur schon früh Sätze wie: "Du hast aber tolle Kurven", "Du brauchst doch gar nichts mehr für deine Figur zu tun". Oder den Klassiker: "Du hast ja eine Traumfigur!". Was zunächst wie ein großes Kompliment klingt, hat allerdings eine zweite Seite. Denn unser Gehirn verbindet eine schmale Taille und ausgeprägte Kurven seit Jahrtausenden automatisch mit Fruchtbarkeit, Weiblichkeit und Attraktivität. Evolutionsbiologisch mag das durchaus sinnvoll gewesen sein.

Im Alltag führt es allerdings dazu, dass Frauen mit X-Figur häufig Eigenschaften zugeschrieben bekommen, die mit ihrer Persönlichkeit möglicherweise überhaupt nichts zu tun haben. Sie wirken sinnlich. Sie wirken selbstbewusst. Manchmal sogar verführerisch, erotisch und sexy. Nicht, weil sie etwas dafür tun, sondern einfach, weil ihr Körper diese Botschaft aussendet.


Das kann durchaus Vorteile haben, doch genau darin liegt wie bei so vielem auch gleichzeitig die Krux. Denn obwohl wir glücklicherweise in Zeiten leben, in denen man Frauen nicht mehr aufs Äußere reduziert, passiert es diesem Figurtyp eben doch noch gelegentlich, dass andere zuerst den Körper wahrnehmen und erst danach den Menschen.

Hinzu kommen die ganz praktischen Herausforderungen: Blusen stehen über der Brust unter Dauerbelastung, während sie an der Taille viel zu weit sind. Jeans passen an Hüfte und Po perfekt, klaffen dafür am Bund. Kleider sitzen entweder oben oder unten, aber nur selten überall gleichzeitig. Und wer schon einmal versucht hat, eine klassische weiße Hemdbluse ohne Stretchanteil über eine größere Oberweite zu schließen, weiß vermutlich ziemlich genau, was ich meine.

Viele X-Frauen entwickeln deshalb im Laufe der Jahre eine interessante Strategie. Sie verstecken ihre Figur unter weiten Pullovern, geraden Schnitten oder Oversize-Looks. Bloß nicht zu figurbetont. Bloß nicht "zu sexy". Denn wer ohnehin ständig Kommentare über seinen Körper bekommt, versucht manchmal unbewusst, ihn möglichst unsichtbar zu machen. Dabei geht es häufig gar nicht um Scham, sondern schlicht darum, endlich einmal wegen anderer Dinge wahrgenommen zu werden.


Und genau an dieser Stelle kommt für mich auch das Thema Styling ins Spiel. Nicht als Korrekturmaßnahme, sondern als psychologisches Werkzeug. Die X-Figur muss nicht versteckt werden. Aber genauso wenig muss sie permanent in Szene gesetzt werden.

Entscheidend ist vielmehr, dass Kleidung die natürlichen Proportionen unterstützt, statt gegen sie zu arbeiten. Im Fall der X-Figur greifen vor allem taillierte Schnitte, Wickelkleider, Gürtel, gut sitzende Blazer oder hoch geschnittene Hosen die vorhandene Silhouette harmonisch auf, ohne sie künstlich zu überzeichnen. Nicht, weil Ihr Eure Figur "zeigen müsst", sondern weil Kleidung dann häufig einfach stimmiger wirkt.


Natürlich sollt ihr selbst entscheiden, welche Wirkung Ihr erzielen möchtet. Denn genau darum geht es letztlich beim Stil: nicht darum, Erwartungen anderer zu erfüllen, sondern die eigene Persönlichkeit sichtbar zu machen. Die Botschaft an alle Sanduhren da draußen lautet deshalb: ihr dürft eure Kurven lieben. Ihr dürft sie betonen. Ihr dürft sie verstecken. Nicht, weil ihr euch rechtfertigen müsst, sondern weil es eure Entscheidung ist. Denn eure äußere Erscheinung mag beeinflussen, wie andere euch auf den ersten Blick wahrnehmen, sie entscheidet aber ganz bestimmt nicht darüber, wer ihr seid.


Und deshalb gilt heute ganz besonders für alle Frauen mit X-Figur mein persönliches Mantra:

Geht liebevoll mit eurem Körper um. Begegnet eurem Spiegelbild mit Wohlwollen - genauso selbstverständlich, wie ihr auch die Körper anderer betrachtet. Denn wahre Weiblichkeit hat nichts mit Zentimetern an Taille oder Hüfte zu tun, sondern u.a. auch mit der Freiheit, den eigenen Körper nicht ständig erklären oder entschuldigen zu müssen.

Kommentare

  1. Liebe Maren,

    wenn ich auch nicht weiß, welchem Figurtyp ich entspreche, so weiß ich doch, was ich nicht bin.
    Und das ist Figurtyp X. Da bin ich sozusagen das Gegenteil.

    Aber ich kenne Frauen , die solch einem Figurtyp entsprechen und ja es stimmt (zumindest für mich), sie sind voll weiblich und beeindruckend, ohne dass sie großartig dafür was tun. Wenn das gepaart ist mit Selbstbewusstsein, dann holla die Waldfee.
    Da kann ich verstehen, dass manche mickrigen Männlein Angst davor haben.

    Liebe Grüße, bist du noch in Mordor?.
    Claudia

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  2. Dein persönliches Mantra gefällt mir immer am besten, liebe Maren.
    Sehr gut hast du die X-Figur erklärt und auch ihre Wirkung.
    Stelle ich mir auch nicht immer angenehm vor in dieser Figur zu stecken. Aber ich bin eh weit davon entfernt.
    Auf jeden Fall ist es beeindruckend, wie Du jeweils die Figur-Typen rausgearbeitet hast und wie sie in der Gesellschaft rezipiert werden.
    Gibt es Adäquates auch über die männliche Figur?
    Haben Dir gestern nachmittag die Ohren geklingelt, so wie ich an Dich gedacht habe im Hirschgarten...? :-) Schade, dass Du nicht in M warst.
    Herzliche Grüße
    Sieglinde

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