Kein X für ein O: die Psychologie der Figurtypen: A
Kaum ein Thema wird so leidenschaftlich kommentiert, fehlinterpretiert und überfrachtet wie der weibliche Körper. Körperformen werden selten einfach gesehen – sie werden gelesen. Als Aussage, als Symbol, als vermeintlicher Hinweis auf Charakter, Sexualität oder "Bestimmung". Genau hier setzt meine kleine Serie Psychologie der Figurtypen an. Zum Auftakt widme ich mich einem der häufigsten und zugleich am stärksten aufgeladenen Figurtypen: der A-Figur.
Die A-Figur ist gekennzeichnet durch schmale Schultern, einen zarten Oberkörper und eine stärker ausgeprägte Hüft- und Po-Partie. Diese Proportionen wirken feminin, weich – und zugleich kraftvoll. Sie zeigen etwas sehr Wesentliches: Zartheit und Stärke schließen sich nicht aus. Sie existieren ganz selbstverständlich nebeneinander. Und doch wird gerade diese Körperform seit Jahrhunderten mit Bedeutungen beladen, die weit über reine Proportionen hinausgehen.
Wie jede Körperform wird auch die A-Figur gesellschaftlich gedeutet - meist unbewusst, aber tief verankert in kulturellen Bildern. Besonders hartnäckig hält sich dabei die patriarchale Vorstellung des sogenannten "gebärfreudigen Beckens": die Idee, weibliche Hüften seien vor allem ein Hinweis auf Reproduktionsfähigkeit. Das ist kein biologisches Faktum, sondern ein kulturelles Konstrukt. Eine Zuschreibung, die den weiblichen Körper historisch auf eine vermeintliche Funktion reduziert - und ihn damit kontrollier-, bewert- und verwertbar gemacht hat.
Ein Blick in die vergangenen Jahrhunderte zeigt, wie künstlich solche Bedeutungen erzeugt wurden. Reifröcke, Paniers und streng geschnürte Korsetts formten Silhouetten, die mit natürlichen Körperproportionen wenig zu tun hatten. Hüften wurden extrem verbreitert, Taillen gewaltsam verengt, Oberkörper fixiert wie Möbelstücke. Die A-Figur wurde karikiert und zur sichtbaren Chiffre patriarchaler Ordnung stilisiert.
Dabei ging es nie um das Wohl der Frauen. Es ging um Kontrolle, Repräsentation und Besitzverhältnisse. Der Frauenkörper wurde geformt, inszeniert und diszipliniert, um ihn eindeutig auf Ehe, Nachkommenschaft und soziale Reproduktion festzulegen. Das "gebärfreudige Becken" ist also kein harmloses Bild, sondern Teil einer langen Tradition der Funktionalisierung.
Vor diesem Hintergrund wird klar, warum auch heutige Körperbilder kritisch betrachtet werden müssen. Die A-Figur beschreibt keine Wirkung, kein Versprechen und schon gar kein Rollenbild. Sie beschreibt Proportionen. Punkt. Schmale Schultern und ausgeprägte Hüften sind weder Signal noch Einladung, weder Charaktermerkmal noch Aussage über den Menschen, der in diesem Körper lebt.
Und dennoch muss frau erst einmal mit den Bewertungen von außen klarkommen - Bewertungen, die sich im Laufe eines Lebens tief eingraben können. Einer ehemaligen Schulfreundin mit A-Figur wurde beispielsweise regelmäßig ein "Arsch wie ein Brauereigaul" attestiert. Charmant, nicht wahr? Und wir wissen alle: es geht noch schlimmer. Trotz aller Body-Positivity-Rhetorik sind wir auch heute noch den verletzenden Zuschreibungen urteilender Menschen ausgesetzt – oft subtil, oft gnadenlos.
Auch Trends zur künstlichen Vergrößerung von Po- und Hüftregionen (wie vor wenigen Jahren noch schwer gehypt) lassen sich kulturhistorisch nicht isoliert betrachten. Unterspritzungen, operative Eingriffe wie der "Brazilian Butt Lift" oder gepolsterte Unterwäsche folgen im Kern derselben Logik wie Reifröcke und Korsetts – nur mit moderner Technik. Wenn extrem überzeichnete Proportionen medial aufgeblasen werden, verschiebt sich der Maßstab erneut: weg von Vielfalt, hin zu einem neuen normierenden Ideal. Was dabei gern als individuelle Freiheit verkauft wird, ist häufig das Ergebnis von ökonomischem Druck, Dauerpräsenz und einem Schönheitsmarkt, der von Unsicherheit lebt.
Problematisch ist weniger die einzelne Entscheidung als das System dahinter. Ein System, das bestimmte Körperformen aufwertet und andere abwertet – und damit alte patriarchale Bilder unter neuem Deckmantel reaktiviert. Weder historische Korsetts noch moderne Technologien sind automatisch frei von solchen Blickregimen. Im Gegenteil: Sie können sie stabilisieren, wenn sie suggerieren, bestimmte Proportionen seien Voraussetzung für Sichtbarkeit, Begehrlichkeit oder gesellschaftlichen Wert.
Aber wenn wir - wie in der Farbberatung - vom Prinzip der Harmonie ausgehen, lässt sich dies ebenso auf das Styling übertragen. Auch für die A-Figur bedeutet das zumeist den Wunsch nach Ausgeglichenheit in den Proportionen - nicht nach einer überzeichneten oder gar grotesken Betonung jener Körperpartien, die ohnehin präsent sind.
Da die typischen Merkmale der A-Figur, wie bereits beschrieben, ein schmaler Oberkörper mit zarten Schultern, eine definierte Taille sowie breitere Hüften, kräftigere Oberschenkel und ein ausgeprägtes Gesäß sind, folgt daraus ein klares, ausgleichendes Styling-Prinzip: Der Blick wird nach oben gelenkt, die Hüftpartie sanft ausbalanciert und die Taille bewusst in Szene gesetzt. So entsteht ein Gesamtbild, das die Figur respektvoll unterstützt und die Persönlichkeit strahlen lässt.
Wenn euer Körper eine A-Form aufweist, dann sind Oberteile eure besten Freunde. Ideal sind helle Farben & auffällige Muster, Volants, Rüschen, Drapierungen, Carmen-, U-Boot- oder Wasserfallausschnitte sowie Puffärmel oder leicht betonte Schultern.
Alles, was oben Radau macht, ist willkommen - auch bei den Accessoires, Besonders schmeicheln euch Statement-Ketten, große Ohrringe, auffällige Schals und Gürtel auf Taillenhöhe.
Hier das Ganze nochmal zusammengefasst:
Ich hoffe, dieser erste Teil meiner Psychologie der Figurtypen hat euch genauso viel Spaß gemacht wie mir. Am 15. Februar geht es weiter – dann widmen wir uns dem oft androgyn wirkenden H-Figurtyp.
Bleibt neugierig, kritisch – und vor allem gnädig mit euren Körpern.
(Bilder und Fotos: Avatare von mir, alle anderen von PIXABAY)










Ahhhhh so schön geschrieben und erklärt. Schon schlimm was wir Körpern antuen, damals wie heute. Wir sollten es besser wissen, aber das wird wohl nix mehr.
AntwortenLöschenSchöne Beispiele zeigst Du. Ich habe kürzlich gemerkt, wie merkwürdig es sein kann, ein helles Unterteil mit dunklem Oberteil zu tragen. Kein Thema, ich experimentiere gern, aber ich konnte direkt sehen, was es mit den Proportionen macht.
Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag, liebe Grüße Tina
Wie schön: Sonntagmorgen, Maren-Zeit! <3
AntwortenLöschenWieder mal toll erklärt die Körperformen und auch ihre patriachalisch-kollektiven Traumata für uns Frauen.
Und im Speziellen heute bei der A-Form.
Da finde ich ja besonders schön, dass da soviele Accessoires zum Tragen kommen. Das hat dann viel Spielerisches und macht Spaß.
So soll Mode und Kleidung sein!
(O.T. Bitte schau mal in Deine Mails. :-))
Einen gemütlich-schönen Sonntag wünscht Dir
Sieglinde