Es gibt ja diese Wochen, da hat man sich innerlich schon mit flatterndem Trenchcoat, Sonnenbrille und einem Caramel Macchiato in der Hand durch die frühlingshafte Ex-Heimat spazieren sehen, und dann liefert einem die Realität stattdessen Schneeregen ins Gesicht, während einem der Wind um die Ohren bläst. Willkommen in Sinsheim zur Karwoche! Traditionell dreht der Winter auch hier um diese Jahreszeit nochmal seine Kapriolen, bevor er sich endlich trollt.
Wegen eines wichtigen Termins war ich in meiner freien Woche hier gelandet, und nun? Radfahren? Eher nicht. Wandern? Ooch, nö. Also beschloss ich, das einzig Vernünftige zu tun: Konsum als Ersatzhandlung. Die nahe gelegenen Städte Mannheim und Heidelberg mussten also erst einmal dran glauben. Schließlich soll man die regionalen Geschäfte ja unterstützen, nicht wahr?
Mannheim bestätigte mal wieder sein Image als inoffizielle Welthauptstadt der Doppelnamen-Kaufhäuser. Ohne Schmarrn, die heißen dort alle wie verstaubte Anwaltskanzleien: Peek & Cloppenburg, Engelhorn & Sturm, Appelrath & Cüpper... und daneben natürlich die üblichen H&M und C&A. Ich bummelte also mit der unterschwelligen Erkenntnis, dass Shopping bei Mistwetter auch nur halb so glamourös ist, wie man sich das vorher einredet, durch diese zugegebenermaßen äußerst schicken Konsumtempel.
Heidelberg setzte dann noch einen drauf, besser gesagt: eine Fußgängerzone. Und zwar eine, die gefühlt zwar nur zwei Meter fuffzig breit ist, aber nie endet. Europas längste, heißt es ja. Ich kann bestätigen: Das ist keine Fußgängerzone, sondern ein Pilgerweg. Vom Karlsplatz bis zum Bismarckplatz und wieder zurück... über Kopfsteinpflaster, das vermutlich schon Goethe auf den Geist ging, der vielleicht auch nur mal eben zu Galleria wollte. Ts. In Heidelberg fällt mir übrigens immer mehr auf, wie stellenweise schmuddelig und abgeranzt vieles wirkt. Die Stadt muss doch immense Tourismus-Einnahmen haben, könnte man da nicht mal z.B. den Altstadt-Bahnhof ein bisschen aufhübschen?
Am Dienstagabend sangen meine Füße jedenfalls ihren Song dazu, und der ging in etwa so: "Aua. AUUUUAA. Au-au!" Früher, in meiner Sturm-und-Drang-Zeit, bin ich diese Strecke ohne mit der Wimper zu zucken leichtfüßig hin- und hergetrippelt. Heute denke ich nach der Hälfte ernsthaft über einen dieser Elektroroller nach. Aber gut, Bewegung ist wichtig. Sagt man ja so. Also dachte ich mir am nächsten Tag: wenn schon Schmerzen, dann wenigstens mit etwas mehr Sinn. Und fuhr nach Eberbach, dem Geburtsort meiner Mutter - familiäre Spurensuche inklusive.






Die S-Bahn-Strecke dorthin ist nämlich tatsächlich ein kleines Highlight: Neckargemünd, Dilsberg, das südhessische Neckarsteinach... alle hübsch, alle idyllisch, und der Neckar schlängelt sich geschniegelt durch die Landschaft, als hätte er einen Termin fürs Fotoshooting. Selbst im Nieselregen ist das nett.
In Eberbach angekommen - Überraschung! - fing es natürlich wieder an zu nieseln. Trotzdem stapfte ich tapfer durch menschenleere schmale Gassen, vorbei an hübschen Cafés, in denen niemand saß, wieder über hutzeliges Kopfsteinpflaster, bestaunte altes Fachwerk und ließ mich von romantischer Architektur umwehen. Ein Pflichtstopp war natürlich das ehemalige Häuschen meiner Urgroßmutter. Dieses fast schon absurd winzige Tiny House bewohnte sie im wohlverdienten Ruhestand, nachdem sie immerhin 13 Kinder auf einem Neckarschiff großgezogen hatte. Ich weiß schon, warum ich selbst im Leben gänzlich auf Kinder verzichtet habe: auch Traumata werden ja bekanntlich weitervererbt... 😂.
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Hier war ich bereits im März 2024 - dadurch, dass ich davor stehe, lässt sich die Winzigkeit noch besser erkennen, wie ich finde... |
Solcherart Familienstorys beamen mich ja tatsächlich augenblicklich in eine völlig andere Dimension von Leben, besonders, wenn mein Cortisolspiegel schon steigt, weil zwei Leute gleichzeitig in der S-Bahn telefonieren. Das Häuschen gehört leider nicht mehr der Familie, aber die Erinnerungen an die Besuche dort als Kind sind noch sehr präsent: meine Schwester und ich in der winzigen Wohnküche im Erdgeschoss sitzend, Hefezopf in Karo-Milchkaffee tunkend.
Zum Abschluss dann noch ein Abstecher ins Café Victoria. Tradition ist schließlich Tradition. Bekannt für "Deutschlands beste Torte", was ich sofort glaube, denn allein der Gedanke daran droht mir bereits mit einen Zuckerschock. Ich habe diesmal dankend verzichtet. Man muss ja auch nicht alles immer so eskalieren lassen. Dafür trank ich einen Cappuccino in Gedenken an meinen verstorbenen Vater, der in seinen letzten Tagen, in denen er noch am Steuer saß, fast täglich hierher fuhr, Torte aß und ab und zu von der Polizei aufgegriffen wurde, weil er anschließend sein Auto nicht mehr finden konnte. Einen weiteren Schluck Cappuccino in Gedenken an die wirklich netten und geduldigen Beamten der Polizeistation Eberbach. Prost!





Und weil es gar so angenehm war, im Trockenen zu sitzen, beschloss ich, noch ein wenig weiter mit der S-Bahn am idyllischen Neckarufer entlang zu gondeln, Richtung Mosbach. Dort regnete es ausnahmsweise mal nicht, aber so richtig Lust auf Kleinstadtidylle hatte ich für diesen Tag nicht mehr, also machte ich nur ein paar Fotos, bevor ich den nächsten Bus nahm, der mich elektrisch-elegant über sämtliche Käffer des Kraichgaus wieder zurück nach Sinsheim kurvte, wo sich dann erstmals am Tag die Sonne herauswagte.
OUTFIT:
Rock: Opus
Jacke: S. Oliver
(beides aus Mannheim)
Pulli: Betty Barclay (aus Heidelberg)
Schuhe: Tamaris (älter)
Schal, Sonnenbrille: ??
LOCATION:
Mosbach
So ein Trip in die - eigene - Vergangenheit ist ja durchaus aufregend, liebe Maren. Noch dazu mit Öffis.
AntwortenLöschenDas tiny house Deiner Großmutter erinnerte ich dann auch gleich wieder. Unglaublich, ihr Leben! Ja, schade, dass das Häuschen nicht mehr im Familienbesitz ist.
Dass Heidelberg verranzte Stellen hat, ist ja ein Ding. Dabei leben die von ihrer glattgebügelten Fassade...
Deine Woche war bewegt im wahrsten Sinn des Wortes.
Zu Ostern nun möge die Zeit gemütlich und ruhig für Dich sein.
Frohe Ostern, liebe Maren!
Herzlich,
Sieglinde
Frohe Ostern Maren🐰🌷 Das Wetter war wirklich usselig, Du hast das beste draus gemacht. Idyllisch können die Orte am Neckar auf alle Fälle und oft ist es dort auch ganz schön voll.
AntwortenLöschenShopping in Mannheim, ich weiß gar nicht mehr, wie es in der Innenstadt aussieht. War ewig nicht. Wenn ich etwas suche, müsste ich Dich wohl fragen. 🤭 Den Engelhorn liebe ich ja, mit seinen vielen teuren Weltmarken.
Die Ärmel der Jacke sind ja genial, sie zaubern einen feschen Layeringlook der ja Megatrend ist in 2026. Schöne Einkäufe hast Du getätigt. Der Pulli hat eine tolle Farbe, da habe ich mir diese Woche auch ein Wickelshirt gekauft.
Liebe Grüße Tina
Einen schönen Ostersonntag liebe Maren. Und ich wünsche Dir auf jeden Fall Frohe Ostern....wenn Du´s feierst...wir tun´s nicht. Ja, familiäre Spurensuche - das fällt bei mir so ziemlich aus...denn fast alle sind hier in der Gegend geboren...und die kenne ich. Nur meine Großmutter war aus Stuttgart. Deswegen habe ich auch eine emotionale Bindung zum Schwabenlande...bin ja auch immer wieder auf der Schwäbischen Alb auf der sog. Schwabenhütte. Heidelberg kenne ich von den Ausflügen bei unserer Gala. Viel habe ich dort nicht gesehen, aber die Innenstadt finde ich sehr schön. Eberbach scheint ein nettes Städtchen zu sein - die Fotos jedenfalls lassen diese Vermutung zu. Und leider hat dort auch der Frühling -wie hier- eine Pause eingelegt. Dein Outfit ist ja ziemlich winterlich. Aber es soll ja ab heute besser werden.
AntwortenLöschenIch wünsche Dir eine gute Zeit und alles Liebe
Violetta
So eine Fußgängerzone kann um Längen anstrengender sein, als ein "schnöder" Wanderweg. Immerhin muss man ständig Kurven laufen, man ist ja in der Regel nicht alleine unterwegs. Dadurch hat man schon mehr Kilometer auf dem Zähler und dann kommen da noch die ständigen Geschwindigkeitswechsel dazu. Da hättest du dir eigentlich schon ein Stück Torte verdient aber ich kann verstehen, dass du dir das gespart hast. Ich bin auch nicht so ein Tortenfan und wenn sich jemand selbst das Prädikat "beste Deutschlands" verleiht, wäre ich erst recht skeptisch. Sieht ein bisschen wie der Unfall aus, den meine Schwiegermama mal versucht hatte, nachzubacken. Kommt in keinster Weise an einen ganz bodenständigen Rührkuchen heran 😊
AntwortenLöschenLiebe Grüße und entspannte Feiertage!
Da bist du ja ganz scharf an meinen Ursprungsort gekommen. Die Idyllen sind alle mehr bei sommerlichen Temperaturen welche, finde ich. Das Uromahäuschen ist ja sehr nett ( leider gibt es das meiner Oma nicht mehr, das stammte aus der Zeit des 30j. Krieges und war ein Zumutung für den Opa mit 1.95m ). Berufsmäßig hatten die allerdings immer die Scholle an den Schuhen kleben.
AntwortenLöschenSchade, dass Heidelberg so abbaut, ich hab es eigentlich immer gemocht.
💕liche Ostergrüße!
Astrid