Modesünden, die ich heute liebe: eine Ü30BLOGGER-Parade

In meiner 2020/2021 entstandenen Reihe "COLOURS OF THE PAST" habe ich mich bereits intensiv mit meiner ganz persönlichen Modegeschichte auseinandergesetzt – eine stilistische Zeitreise von den Siebzigern bis ins Hier und Jetzt. Und weil Mode für mich nie nur Kleidung, sondern immer auch Erinnerung, Ausdruck und ein Stück gelebtes Leben ist, krame ich diese Looks und Gedanken heute noch einmal für euch hervor.

Passend zur aktuellen Blogparade der Ü-30-Bloggerinnen um das Thema "Modesünden, die ich heute liebe". Ein Begriff, bei dem ich unweigerlich schmunzeln muss. Denn ganz ehrlich: gibt es sie wirklich – die Modesünden? Ich finde nicht. Jeder Trend, jeder noch so gewagte Stilbruch, jede vermeintlich "fragwürdige" Kombination erzählt etwas über ihre Zeit, über gesellschaftliche und politische Strömungen und allem voran über uns selbst.

Mode darf Spaß machen, provozieren, polarisieren – und vor allem darf und soll sie sich verändern. Was gestern noch Stirnrunzeln ausgelöst hat, fühlt sich heute vielleicht genau richtig an. Und deshalb lohnt sich dieser Blick zurück: auf alte Fotos, frühere Stil-Experimente und meine ganz eigenen Interpretationen vergangener Jahrzehnte. Einfach, weil’s schön war – und immer noch ist.

Die 70er Jahre

Bestand der Look der Siebziger etwa aus Modesünden? Niemals. Ganz im Gegenteil: kaum ein Jahrzehnt war stilistisch so frei, so emanzipiert, so multinational und so selbstverständlich queer wie dieses.

Der Bohème- und Hippie-Spirit prägte die Mode – und vor allem eine Haltung: erlaubt war, was gefiel. Lange fließende Kleider trafen auf Mini- und Midiröcke, Rüschenkrägen auf Trompetenärmel, Schlaghosen auf knallbunte Muster und stilisierte Blumen. Dazwischen: Cowgirl-Attitüde, Ethno-Einflüsse und ein wilder Mix aus allem, was Ausdruck statt Anpassung sein wollte.

Natürlich gab es auch Schattenseiten – Stichwort Polyester in Vollkontakt, klobige Absätze für Männer und Frauen und diese legendäre Außen-Föhnwelle mit Seitenscheitel - auch geschlechterübergreifend. Aber selbst das gehört irgendwie dazu, oder?

Was dieses Jahrzehnt für mich aber besonders macht: nie zuvor – und, seien wir ehrlich, auch nie wieder danach – haben sich die Geschlechter im Styling so angenähert. Grenzen verschwammen, Codes wurden aufgebrochen, Mode wurde zum Spielfeld.

Wenn mir heute also jemand mit Genderfluidität und Harry Styles kommt, als wäre das eine neue Erfindung, kann ich nur leise schmunzeln. Ich sag nur: Marc Bolan, Lou Reed, The Kinks, David Bowie und Queen. Ha!

Meine persönlichen 70er

 Die 80er Jahre

Rückblickend waren die Achtziger für mich modisch das Jahrzehnt der unbegrenzten Möglichkeiten – auch wenn ich heute ganz sicher auf so manche Frisur und das ein oder andere Outfit dankend verzichten würde. Wobei… so schlimm war vieles eigentlich gar nicht. Denn vor allem galt: Man konnte tun, was man wollte.

Bunt, schrill, wild, Neon oder knallhart in Schwarz-Weiß – dazu ein Material- und Mustermix ohne jede Zurückhaltung. Kreativität war nicht nur erlaubt, sie war Pflicht. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals wieder so hemmungslos mit Mode experimentiert zu haben.

Die Haare? Ein Kapitel für sich. Wild toupiert mit feinen Kämmen und anschließend mit gefühlt literweise Haarspray in Form gebracht – oder besser gesagt: betoniert. Ausrasierte Seiten, bunte Strähnchen, Undercuts, Vokuhila und asymmetrische Schnitte waren absolut angesagt.

Und auch gesellschaftlich tat sich einiges: Frauen wurden sichtbarer, stärker, behaupteten sich in klassischen Männerdomänen – und übersetzten das modisch in kastige Blazer mit markanten Schulterpolstern, kombiniert mit auffälligen, oft schrillen Plastik-Accessoires. Farbe – allen voran Neon – war dabei nicht nur Trend, sondern Statement. Aber auch deprimierendes Schwarz spiegelte nicht nur musikalische Strömungen wie Dark Wave und Elektropop, sondern auch die gesellschaftliche Stimmung insbesondere der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, geprägt von kaltem Krieg, Waldsterben, Aufrüstung, Tschernobyl und Massenarbeitslosigkeit.

Bei den Hosen reichte die Bandbreite von weit geschnitten und karottenförmig bis hin zu knalleng oder verkürzt – ganz im Stil von Michael Jackson. Dazu kombinierte man Turnschuhe (idealerweise mit den berühmten drei Streifen), kleine Cowboystiefel – ich hatte natürlich rote – oder spitz zulaufende, flache "Waver"-Lederschuhe mit Schnallen (schmerzhaft, aber egal).

Was Mode damals aber auch war: ein klares Bekenntnis. Man trug nicht einfach irgendeine Marke, man positionierte sich. War man eher bei den "Poppern", geschniegelt, aus gutem Hause, wohlhabend, gleichgültig gegenüber allem außer Stil und Spaß?

Oder entschied man sich bewusst dagegen: gegen Logomania, gegen Karriere um jeden Preis, gegen Egozentrik - und wurde politisch, alternativ, ökologisch, emanzipiert? Oder gehörte man zu denen, die mit all dem nichts mehr anfangen konnten, die sich abgehängt fühlten, perspektivlos und sich eher im Punk wiederfanden, ganz nach dem Motto: No future?

Die Achtziger waren laut, widersprüchlich, oft völlig drüber – aber genau deshalb auch so unglaublich spannend.

Meine persönlichen 80er

Die 90er Jahre

Nicht nur stilistisch eierte ich in den Neunzigern mal wieder kreuz und quer durch sämtliche Richtungen – ich trug im Grunde alles. Alles, wohlgemerkt, außer diesen Brikett-Plateau-Schuhen. Mein Style und ich: durch und durch wankelmütig. Zerrissene Jeans, löchrige Pullis, schwarze Leggings zu langen Blazern, Minikleidchen, Maxiröcke oder glänzende Schlaghosen – nichts war vor mir sicher.

Wenn ich aber an so etwas wie meine ganz persönliche "Uniform der Neunziger" denke, dann war es wohl der weibliche Grunge-ionista-Look: Maxi-Blümchenkleid, Biker-Boots, Cardigan – und im Ohr Pearl Jam mit "Yeah, I – oooh – I’m still alive".

Wobei der Grunge-Style damals eigentlich gar nicht so allgegenwärtig war, wie man heute vielleicht denkt. Viel dominanter waren schräge Gimmicks wie Schnullerketten, Kleinmädchen-Zöpfe, bauchfreie Tops (heute sagt man "cropped"), schrilles Make-up, grüne Augenbrauen, Sicherheitswesten – und dieser ganze Techno-Girlie-Kosmos. Ganz zu schweigen von den legendären "Arschgeweih"-Tattoos.

Einen Tattoo-Choker hatte ich übrigens auch – mehrere sogar. Und diese kleinen Bindi-Kleber für die Stirn. Aber vieles von dem anderen? Habe ich konsequent ausgelassen. Aus der Grunge-Ecke übernommen habe ich dafür umso lieber den Layering-Trick: kurzärmliges Shirt oder Spaghetti-Top über langärmlig. Was mir außerdem sofort einfällt, wenn ich an diese Zeit denke: Jeans in allen erdenklichen Varianten – am liebsten zerrissen, mit Löchern. Dann Pannesamt! Ich besaß einen Blazer und mehrere lange Röcke daraus. Und natürlich Flanellhemden – am liebsten lässig um die Hüfte gebunden.

Dazu derbe, klobige Kampfstiefel mit dicken Sohlen, die man zu Kleidern und Röcken kombinierte – ganz selbstverständlich, so wie heute Sneaker, die damals allerdings noch Turnschuhe hießen. Schlaghosen kamen ebenfalls zurück – und sahen mit schweren Boots einfach unschlagbar aus. Diese Silhouette! Endlos lange, dünne Beine… mit Hobbitfüßen.

Mitte der Neunziger entdeckte ich dann den Brit-Pop für mich – und mit ihm die mod-inspirierten Looks. Plötzlich war ich weniger grungig und ein bisschen mehr cool-schick unterwegs. Aber einen klaren Stil? Den hatte ich eigentlich nie. 

Meine persönlichen 90er

Die Nuller Jahre

Wenn ich an die Nullerjahre denke, dann fange ich modisch tatsächlich ganz oben an: auf dem Kopf. Britpop-inspirierte Fischerhüte trafen auf Trucker Caps und – natürlich – Beanies in sämtlichen Variationen. Darunter wurde es allerdings weniger abwechslungsreich: Handtaschen waren entweder funktionale Rucksäcke oder demonstrativ praktische Bauchtaschen, während Bowlingbags plötzlich als das Nonplusultra galten.

Überhaupt schwappte vieles aus dem Sportbereich in den Alltag: Tennisröcke, Trackpants oder diese berühmt-berüchtigten Nicki-Jogginganzüge – vorzugsweise getragen von Paris Hilton und Konsorten. Und ja, der Chihuahua hatte definitiv noch Platz in der kleinen Tasche… 😁

Gleichzeitig wurde ein Trend aus den Neunzigern konsequent auf die Spitze getrieben: die Nabelschau. Bauchfrei bedeutete jetzt nicht mehr nur ein bisschen Haut – sondern möglichst viel davon. Je kürzer, enger und knapper, desto besser. Oder sagen wir: desto Anastacia. 😁 Kurze Kleider wurden ganz selbstverständlich über tief sitzenden Jeans getragen – ein Look, der heute fast schon surreal wirkt.

Und was war eigentlich los mit den emanzipierten und starken Frauen aus den 70ern und 80ern, die in den 90ern zu Girlies und nun, in den Nullern, konsequent zu "It-Girls" mutierten? Frauen im klassischen Sinne schienen plötzlich aus der Mode gekommen zu sein. Die neuen Vorbilder waren nicht mehr stark, nicht mehr eigenwillig, nicht mehr besonders – sondern glatt, angepasst und auf eine seltsame Weise austauschbar.

Individualität, Ecken und Kanten, dieses herrlich Schräge und Unperfekte – all das trat in den Hintergrund. Stattdessen wirkten viele wie Karikaturen ihrer selbst. Und ja, das hatte sicher auch mit einem wachsenden Schönheitsideal zu tun, das zunehmend künstlich wurde. Die Schönheitschirurgie boomte, und "Optimierung" wurde zum neuen Zauberwort.

Fast schon provokant erschien es plötzlich, einfach so zu bleiben, wie man war.

Meine persönlichen Nuller

Die Zehner Jahre

Selten habe ich eine Phase erlebt, in der sich so viele Trends gleichzeitig überschlugen wie in diesen Jahren. Alles war in Bewegung, alles im Wandel – und nichts blieb lange, wie es war.

Einer der prägendsten Umbrüche: Sneaker wurden endgültig zu den neuen High Heels. Man trug sie plötzlich zu allem – und ich habe diesen Trend nur zu gerne mitgemacht. Endlich offiziell schmerzfrei durchs Leben gehen? Ich war sofort dabei. Und bin es bis heute.

Meine persönlichen 10er

Auch stilistisch veränderte sich einiges: Sweatshirts kamen mit auffälligen Motiven daher – allen voran diese ikonischen Tigerköpfe. Gleichzeitig verabschiedete sich der Look vom mädchenhaften, verspielten "Girlie"-Image. Keine Schulmädchen-Ästhetik mehr, keine niedlichen Inszenierungen – stattdessen wirkte alles erwachsener, klarer, manchmal fast schon nüchtern.

Doch mit dieser Entwicklung kam auch eine gewisse Austauschbarkeit. Trends wurden schnelllebiger, Looks ähnelten sich immer mehr – und die Logomania erreichte ihren absoluten Höhepunkt. Ich sag nur: Gucci. Plötzlich war das Label oft wichtiger als der eigentliche Stil.

Und dann passierte etwas Spannendes: Der "Blogger-Style" selbst wurde zum Trend. Persönlicher Stil, der eigentlich individuell und unabhängig gedacht war, wurde auf einmal reproduzierbar – und damit Teil genau dieses schnelllebigen Modekarussells.

Ein bisschen paradox, oder?

Plötzlich wurde alles gleichzeitig minimalistischer – und maximal inszeniert. Normcore traf auf Statement. Capsule Wardrobe auf Influencer-Ästhetik. Einerseits reduzierte Looks in gedeckten Farben, cleane Schnitte, viel Weiß, Beige, Grau. Andererseits: auffällige Pieces, Instagram-taugliche Outfits, "gesehen werden" wurde fast wichtiger als "getragen werden".

Social Media – allen voran Instagram – veränderte Mode komplett. Trends entstanden nicht mehr nur auf den Laufstegen, sondern auf Feeds. Outfits wurden kuratiert, durchgestylt, perfektioniert. Und ja – manchmal wirkte alles ein bisschen zu perfekt.

Athleisure wurde zum großen Thema: Leggings, Hoodies, Sneaker – aber bitte stylisch. Sportlich war jetzt nicht mehr nur funktional, sondern absolut straßentauglich. Marken wie Adidas feierten ein riesiges Comeback – plötzlich wieder cool, plötzlich wieder überall.

Parallel dazu: die Rückkehr der 90er (schon wieder!). Mom-Jeans, Crop Tops, Denim-on-Denim, Chunky Sneaker… alles kam zurück – nur anders interpretiert. Und irgendwie cleaner.

Was ich besonders spannend fand: Mode wurde demokratischer – aber auch austauschbarer. Jeder konnte Trends sofort sehen, sofort kaufen, sofort tragen. Individualität war möglich… aber gar nicht mehr so leicht umzusetzen.

Meine persönlichen 10er

Und wenn ich all das Revue passieren lasse, bleibt für mich am Ende nur eine Erkenntnis
Es gibt keine Modesünden – 
nur unglaublich spannende, stilprägende Momentaufnahmen ihrer Zeit.


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