Sunday Colors: alles hat seinen Preis...

... die Frage ist halt immer nur, ob man gewillt ist, ihn zu zahlen. Lasst euch von den heutigen Fotos bloß nicht täuschen. Ich finde ja auch (und hoffe natürlich, ihr stimmt mir zu 😂!), dass ich nach meiner wohlverdienten Urlaubswoche ziemlich erholt und ganz passabel aussehe. Aber fragt besser nicht, was mich das wieder gekostet hat.

Denn ich brauchte fast die komplette Woche, um mich von den Strapazen der Ferienfahrt in der Woche davor zu erholen. Was nicht nur am eher unglücklich gewählten Ziel, einer schrecklichen Unterkunft, aufgeheizten Zimmern, nächtlichem Lärm und Matratzen lag, die vermutlich ursprünglich für mittelalterliche Foltermethoden entwickelt wurden. Sondern auch an mehreren schlaflosen Nächten hintereinander.


Kein Wunder also, dass mein Urlaub ungefähr so glamourös begann wie ein Winterschlaf. Nur dass Murmeltiere vermutlich weniger Halsschmerzen haben. Statt Sightseeing, Unternehmungen oder sonstigen Urlaubshighlights stand bei mir vor allem eines auf dem Programm: horizontale Regeneration.

Trotzdem die Fahrt für die Kinder schön, spannend und lustig war, sehe ich die Sache aus pädagogischer Sicht etwas differenzierter. Kinder finden ja bekanntlich auch Achterbahnen toll. Das heißt allerdings nicht, dass man deshalb Sozialpädagogen die Sicherheitskontrolle überlassen sollte.

Jedenfalls habe ich aus dieser Fahrt mehr gelernt als aus mancher Fortbildung. Denn alles mag vielleicht seinen Preis haben. Aber wenn etwas ganz und gar nicht stimmt, spüre ich das inzwischen ziemlich deutlich. Nicht nur durch Halsschmerzen oder Schlafmangel. Wenn ich im Nachhinein - also erholt, ausgeschlafen und wieder zu reflektivem Denken fähig - noch immer eine Mischung aus Wut und Hilflosigkeit empfinde, wenn ich an bestimmte Situationen zurückdenke, dann weiß ich inzwischen: es gibt keinen Grund, stolz darauf zu sein, „durchgehalten" oder die eigenen Belastungsgrenzen ignoriert zu haben.

So eine Ferienfahrt sollte schließlich keine Heldentat sein. Genauso wenig wie eine Doppelschicht im Krankenhaus. Mit Verlaub: dieser ganze Kult ums Durchhalten ist Bullshit. Und zwar Bullshit nicht nur auf Kosten der eigenen Gesundheit, sondern auch der allgemeinen Sicherheit. Ein Angebot wie eine Ferienfahrt sollte gefälligst so konzipiert sein, dass Menschen mit ganz normalen Belastungsgrenzen es bewältigen können. Schließlich ging es nicht darum, Kinder aus einem brennenden Haus zu retten. Nur frage ich mich bis heute, warum ich mich im Nachhinein genau so fühle, als hätte ich eben das getan. Versteht ihr?


Leider existiert in sozialen Berufen oft eine Art unausgesprochene Belastungs-Challenge. Ähnlich wie die Nachhaltigkeits-Challenge unter Fashionbloggerinnen, über die ebenfalls niemand offiziell spricht, von der aber irgendwie alle wissen, dass sie existiert 😂. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, es gibt eine heimliche Olympiade der Selbstaufgabe.

Gold gewinnt, wer seit drei Tagen nicht geschlafen hat, gleichzeitig zwölf Krisen bewältigt, zwei Ausfälle kompensiert und dabei noch behauptet, alles sei völlig entspannt. Wer dagegen zugibt, dass ihm bestimmte Situationen, Verhaltensweisen oder Arbeitsbedingungen zu viel werden, landet schnell in der Weichei-Schublade. Woher ich das so genau wissen will? Sagen wir mal so: ich habe andere dort ebenfalls schon hineingesteckt. Schublade auf, Weichei rein... ihr wisst schon. Und nein, sonderlich erhaben hab ich mich danach nicht gefühlt.


Der Witz an der Sache ist nämlich: bei diesem Wettbewerb können letztlich alle nur verlieren. Deshalb schreibe ich hier ganz offen darüber. Denn das Problem betrifft längst nicht nur einzelne Einrichtungen oder einzelne Ferienfahrten. Oder etwa nur mich. Es ist ein strukturelles Problem, das uns in den nächsten Jahren noch deutlich stärker beschäftigen wird. 

Wisst ihr, warum es aktuell so schwer ist, geeignete Fachkräfte für die Kinder- und Jugendarbeit zu finden? Nicht etwa, weil niemand diesen Beruf machen möchte. Berufsanfänger wollen durchaus mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Sie wollen nur nicht mehr jeden Preis dafür bezahlen.



Sie möchten weniger Stunden, mehr Ausgleich und bessere Rahmenbedingungen. Und zwar nicht, weil sie verweichlicht sind. Sondern weil sie etwas Grundlegendes verstanden haben, das viele meiner Generation erst mühsam wieder lernen mussten oder müssen: wer dauerhaft über seine Grenzen geht, hilft am Ende niemandem. Nicht den Kindern. Nicht den Kollegen. Und schon gar nicht sich selbst.

Die viel belächelte Self-Care-Kultur hat nämlich (nicht nur) einen Nebeneffekt, der Arbeitgebern nicht gefällt: Menschen hinterfragen zunehmend, ob die Rechnung überhaupt noch aufgeht. Alles hat seinen Preis. Und wenn ich nach einer Ferienfahrt das Gefühl habe, gemeinsam mit den Kindern einen Vulkanausbruch überlebt zu haben, dann liegt das sicher nicht an meiner geringen Belastbarkeit. Meine Belastbarkeit ist eher - leider! - viel zu hoch

Und genau deshalb werde ich nächstes Jahr einiges anders machen. Nicht weil ich weniger leisten möchte. Sondern weil gute pädagogische Arbeit nicht davon abhängen sollte, wie viele Warnsignale des eigenen Körpers man erfolgreich ignorieren kann.


LOCATION:
kleiner Park bei mir um die Ecke


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