Fehlkäufe - eine Ü-30-Blogger-Parade

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich an dieser Ü-30-Blogparade teilnehmen und etwas zum Thema Fehlkäufe schreiben soll. Nicht etwa, weil mir dazu nichts einfiele – ähem, ganz im Gegenteil. Sondern weil ich manchmal das Gefühl habe, dass bestimmte Bekenntnisse in Bloggerkreisen ungefähr so gut ankommen wie ein Pelzmantel auf einer Veganermesse.

Dabei habe ich längst gelernt, dass Konsum ein erstaunlich kompliziertes Thema sein kann. Einerseits leben wir in einer Zeit, in der wir ständig Dinge kaufen, bestellen, vergleichen und wieder zurückschicken können. Andererseits genügt manchmal schon die Erwähnung einer Neuanschaffung, um in mir spontan den Impuls auszulösen, eine kleine Verteidigungsrede zu halten. Warum genau ich dieses Teil gekauft habe. Weshalb es eine wohlüberlegte Entscheidung war. Und dass ich selbstverständlich nicht völlig den Verstand verloren habe.

Dabei habe ich manchmal den Eindruck, dass wir uns beim Thema Konsum in einem kleinen gesellschaftlichen Hindernisparcours bewegen. Auf der einen Seite sollen wir die Innenstädte retten, lokale Geschäfte unterstützen und nicht alles online bestellen. Auf der anderen Seite möglichst wenig konsumieren, nichts Überflüssiges kaufen und jeden Kauf kritisch hinterfragen.

Das führt gelegentlich dazu, dass ich mich frage, wie genau ich nun gleichzeitig den Einzelhandel unterstützen, die Wirtschaft ankurbeln, nachhaltig leben und dabei möglichst gar nichts kaufen soll. Bis dahin bewege ich mich weiter durch diese Widersprüche wie die meisten Menschen: also eher weniger elegant. Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, mich für einen simplen Kauf mehr zu rechtfertigen als für andere Entscheidungen, die deutlich größere Auswirkungen auf mein Leben hatten.

Und wehe, wenn sich das gute Stück später auch noch als Fehlkauf herausstellt. Dann wird aus einer etwas unglücklichen Kaufentscheidung gefühlt eine kleine persönliche Niederlage. In solchen Momenten breite ich gern ein oft getragenes Kleidungsstück über die Sache: den Mantel des Schweigens.

Dabei sind Fehlkäufe doch zunächst einmal nichts weiter als ein sehr menschliches Phänomen. Wir alle treffen Entscheidungen auf Basis der Informationen, Gefühle und Bedürfnisse, die wir in einem bestimmten Moment haben. Manchmal passt die Bluse dann eben doch nicht zum restlichen Kleiderschrankinhalt. Manchmal entpuppt sich die perfekte Internet-Fantasie als textile Enttäuschung. Manchmal verliebt man sich in etwas, das sich zuhause als weit weniger bezaubernd erweist als unter den magischen Lichtverhältnissen eines Geschäfts. C'est la vie, mes amies.

Wer mich kennt, weiß, dass ich weder einen sonderlich verschwenderischen Lebensstil pflege noch jede Woche mit zehn Einkaufstüten durch die Gegend laufe. Ich besitze kein Auto, fliege äußerst selten, wohne klein und kaufe vieles gebraucht. Ich bemühe mich durchaus um einen bewussten Umgang mit Ressourcen. Seht ihr? Jetzt mache ich es schon wieder.

Kaum geht es um Konsum, fange ich automatisch an zu erklären, dass ich eigentlich zu den Vernünftigen gehöre. Als müsste ich vorsorglich ein kleines Nachhaltigkeitszeugnis vorlegen, bevor ich zugeben darf, dass auch ich gelegentlich Dinge kaufe, die sich im Nachhinein als keine besonders brillante Idee herausstellen. Vielleicht liegt das auch daran, dass Fehlkäufe inzwischen selten einfach nur Fehlkäufe sind. Sie sind schnell mit Fragen von Nachhaltigkeit, Verantwortung, Lebensstil und Moral verknüpft - so dass sich der Kauf einer Bluse beinahe anfühlt wie eine kleine gesellschaftspolitische Stellungnahme.

Ich merke dann, dass ich selbst manchmal dazu neige, aus guten Vorsätzen eine Art unsichtbare Messlatte zu machen. Und plötzlich stellt sich die Frage, wer am wenigsten kauft. Wer am längsten mit dem Vorhandenen auskommt. Wer aus einer alten Gardine noch drei Sommerkleider und zwei Kissenbezüge klöppeln kann. Wer demnach das reinere Gewissen haben darf. Glaubt mir, darin seid ihr alle viel besser als ich 😂.

Die Wahrheit ist aber auch, dass wir in einer wohlhabenden Gesellschaft leben, die auf Konsum aufgebaut ist. Niemand von uns bewegt sich vollständig außerhalb dieser Strukturen. Das Smartphone in unserer Tasche, die Kleidung an unserem Körper oder die Lebensmittel auf unserem Teller - irgendwo findet sich fast immer ein ökologischer oder sozialer Haken.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir deshalb gar nicht erst versuchen sollten, nachhaltig zu leben. Aber manchmal hilft es mir, mir bewusst zu machen, dass Perfektion in diesem Bereich vermutlich genauso realistisch ist wie ein Kleiderschrank, in dem jedes einzelne Teil hundertprozentig passt, gefällt und regelmäßig getragen wird.

Auch Fehlkäufe sind letztlich ein Luxusproblem. Schon die Existenz des Wortes verrät, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, Dinge zu kaufen, die wir nicht zwingend benötigen. Die Dekadenz eines Fehlkaufs muss man sich gewissermaßen erst einmal leisten können.

Trotzdem werde ich auch in Zukunft nicht in Sack und Asche gehen, wenn mir einer passiert. Sack und Asche stehen mir ohnehin nicht besonders gut und wären vermutlich bloß die nächsten Fehlkäufe. Ich werde auch keine öffentliche Bußpredigt halten, weil sich die sechste geblümte Tunika im Nachhinein doch nicht als unverzichtbarer Beitrag zur Menschheitsgeschichte erwiesen hat.

Und was die Frage „Brauche ich das wirklich?“ angeht: Große Göttin, wer von uns braucht schon wirklich weitere Anziehsachen? Vielleicht habe ich bestimmte Dinge einfach gekauft, weil sie schön waren. Vielleicht haben sie mir einen guten Tag beschert. Vielleicht haben sie mich für einen Moment glücklich gemacht. Manchmal ist das für mich tatsächlich Grund genug. Außerdem habe ich den Verdacht, dass eine jahrelange therapeutische Aufarbeitung sämtlicher Kaufentscheidungen meines Lebens deutlich mehr Ressourcen verschlingen würde als gelegentlich ein kleiner Fehlkauf. In meinem Alter!

Ich liebe schöne Dinge. Ich liebe Farben, Stoffe, Formen und Ästhetik. Ich schlendere gern durch Geschäfte, betrachte Schaufenster und erfreue mich an gelungenen Auslagen. Nicht unbedingt, um etwas zu kaufen, sondern weil Schönheit für mich einen Wert an sich hat. Und ja, gelegentlich gönne ich mir dann etwas. Manchmal wird daraus ein Lieblingsstück. Manchmal ein Fehlkauf. Dann ärgere ich mich kurz, lerne etwas daraus - oder auch nicht - und mache weiter.

Vielleicht sind Fehlkäufe am Ende einfach der Preis dafür, dass wir keine perfekten, allwissenden Wesen sind. Denn so sehr wir planen, vergleichen und nachdenken - eine hundertprozentige Trefferquote gibt es im Leben selten. Nicht bei Beziehungen, nicht bei Berufswahlen und offenbar auch nicht bei geblümten Tunikas

Wenn die größte Fehlentscheidung meines Lebens darin besteht, dass eine Bluse doch nicht so gut zu meinem Kleiderschrank passt wie gedacht, dann halte ich das für ein ziemlich überschaubares (Luxus-)Problem. Und falls das Schicksal der Menschheit eines Tages tatsächlich von der Anzahl geblümter Tunikas in meinem Schrank abhängen sollte, bin ich bestens vorbereitet. Ha!!!

OUTFIT:

Tunika: aus Frankreich (2022)
Sandalen: Ara (2024)
Hose: Someday (neu)
Tasche: TkMaxx (2019)
Taschengurt und
Libellenbrosche: DaSempre
Ring: DIY

Die Tunika aus Viskose ist übrigens mit der Zeit leider zwei Größen "geschrumpft", 
was hauptsächlich am Material und weniger an den Hormonen liegt... 😂.
Fehlkauf? Mag sein. Ich trag sie dennoch so lange, bis sie zum Crop Top wird.

Normandie 2022: hier saß die Tunika noch schön weit...

LOCATION:

München Shopping-Meile Theatinerstraße

Kommentare

Beliebte Posts