Sunday Colors: Bonjour Tristesse
Kein Monat eignet sich wohl besser zur gepflegten Schwermütigkeit als der oft meiner Meinung nach zu Unrecht als bloß neblig-grau und regnerisch verschriene November. Dabei finde ich mittlerweile nicht nur Akzeptanz und Gefallen an ihm, sondern auch noch - glaubt es oder nicht - ein gewisses Glück in meiner mir wohl angeborenen oder zumindest vererbten Melancholie.
Insofern halte ich es mit meinem nie vergessenen ehemaligen Praxisdozenten aus meiner Bamberger Studienzeit, der mir seinerzeit einen für die damaligen Gepflogenheiten eher ungewöhnlichen Rat auf den Weg gab. Dass ich zum Trübsinn neige, wusste ich ja schon immer. Eine Empfehlung wie "Bewahren Sie sich Ihre Melancholie unbedingt!" hatte ich allerdings bis dahin noch nicht gehört. Sie stellte mein Weltbild seinerzeit ziemlich auf den Kopf.
Nicht nur, weil man in der Psychologie damals noch eher dazu tendierte, alles "wegzutherapieren", was nicht ins gesellschaftliche Leistungs- und Wohlfühlbild passte, sondern auch, weil diese Aussage meine bis dahin ziemlich eindeutige Einteilung in gute und schlechte Eigenschaften gehörig ins Wanken brachte.
"Bewahren Sie sich Ihre Melancholie!" Ha!! Konnte das möglicherweise bedeuten, dass etwas, das man gemeinhin als eher unerfreuliche Charaktereigenschaft verbuchte, am Ende gar nicht so verkehrt sein musste? Vielleicht sogar etwas Positives, womöglich gar etwas Liebenswertes an sich hatte? Und durfte ich das vielleicht sogar selbst so sehen?
Tja, ich kann mir gut vorstellen, dass nun einige Leserinnen Einspruch erheben und mir wohlwollende Tipps geben möchten, wie ich meinen Weltschmerz am schnellsten wieder loswerde. Aber wir wissen ja alle, dass das pausenlose Verdrängen unangenehmer Gefühle auf Dauer nicht unbedingt glücklich macht. Ebenso wenig wie die inzwischen fast schon gesellschaftlich verordnete Dauer-Happiness.
Glück ist schließlich nicht gleichbedeutend mit einem permanenten Zustand euphorischer Begeisterung. Das Leben, also zumindest meines, ist mitnichten ein Wellnesshotel, aus dem man gefälligst mit einem strahlenden Lächeln wieder auszuchecken hat. Ich meine, schaut euch eure Umwelt samt Mitmenschen doch mal genauer an. Geht's da nicht völlig in Ordnung, wenn man gelegentlich an ihnen verzweifeln könnte?
Ich halte Melancholie übrigens für eine ausgesprochen unterschätzte Kompetenz. Sie macht uns nachdenklich, manchmal sogar weise, zumindest aber weniger anfällig für allzu dämliche Lebensphilosophien auf pastellfarbenen Instagram-Kacheln. Sie lässt uns Erinnerungen bewahren, Zusammenhänge erkennen und gelegentlich auch über Dinge nachdenken, die sich nicht mit einem flotten "Das wird schon wieder!" aus der Welt schaffen lassen.
Wer sich nicht ständig mit künstlich erzeugter Begeisterung über Wasser hält, nimmt möglicherweise auch die Zwischentöne etwas deutlicher wahr. Und davon gibt es bekanntlich reichlich. Nicht alles ist großartig, nicht alles ist schrecklich, und manches ist eben einfach nur traurig.
Ein verregneter Nachmittag, ein bisschen Musik, ein Blick aus dem Fenster, der einen nicht gerade in Begeisterungsstürme versetzt - welch herrliche Ästhetik! Während andere bereits überlegen, wie sie sich am Besten ablenken können, sitze ich möglicherweise einfach da und finde das alles ziemlich schön. Eine gewisse Begabung zur gepflegten Schwermütigkeit sollte man schließlich nicht ungenutzt lassen.
Was ich allerdings im Laufe meines Lebens gelernt habe: man sollte seine eigene Schwermut nicht unbedingt anderen Menschen aufdrängen. Die meisten reagieren darauf nämlich eher allergisch. Das ist ein bisschen wie mit Trauer: man überfordert seine Mitmenschen üblicherweise heillos damit.
Viele von uns scheinen schlicht nicht zu wissen, wie sie mit solchen Stimmungen umgehen sollen. Allerdings sind wir doch mittlerweile in einem Alter angekommen, in dem sich die Verluste geliebter Menschen prozentual erhöhen, alle um einen herum verstärkt über ihre Wehwehchen klagen und manche eben auch für immer von uns gehen. Ich hab so einige Abschiede erlebt, Freundschaften zerbrechen sehen, Hoffnungen begraben. Ich weiß inzwischen, dass nicht alles wiederkommt und dass manche Türen tatsächlich geschlossen bleiben. C'est la vie.
Das klingt jetzt vermutlich nicht besonders mitreißend. Aber ich finde, darin liegt auch etwas Tröstliches. Wer sich mit der Endlichkeit des Lebens beschäftigt, entwickelt möglicherweise eine andere Wertschätzung für das, was gerade ist. Für Begegnungen, Erinnerungen, für Menschen, die noch da sind.
Ich glaube inzwischen eh an die Notwendigkeit, sich auch mit den weniger schönen Seiten des Lebens zu beschäftigen. Nicht, um sich darin zu verlieren, sondern um ihnen nicht völlig unvorbereitet gegenüberzustehen. Wer weiß, dass nichts selbstverständlich ist, kann das Selbstverständliche womöglich umso mehr genießen.
Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Seiten der Melancholie: sie macht uns nicht zwangsläufig unglücklich, sondern manchmal sogar dankbarer. Auf eine ziemlich stille, unaufgeregte Weise. Wobei ich an dieser Stelle ausdrücklich davor warnen möchte, aus dieser Erkenntnis eine weitere Selbstoptimierungsaufgabe zu machen.
Wär ja noch schöner, wenn wir künftig auch unsere Melancholie effizient und ressourcenschonend in persönliche Weiterentwicklung umwandeln müssten! Am Ende gibt es noch einen Ratgeber mit dem Titel "In sieben Schritten zur glücklichen Schwermut" oder einen Onlinekurs für achtsame Tristesse. Ich möchte das lieber nicht.
Aber ich habe den Rat meines damaligen Dozenten befolgt und mir meine Melancholie tatsächlich bewahrt. Wie einen Schatz. Ich meine, ich werde sie weder bekämpfen noch künstlich kultivieren. Sie darf einfach da sein, wenn ihr danach ist. Und wenn sie sich im November besonders heimisch fühlt, soll mir das recht sein. Ich genieße meinen geliebten Herbstmonat. Mit seinen frühen Abenden, dem melancholischen Licht, den kahlen Bäumen und dieser ganz besonderen Atmosphäre, die irgendwo zwischen Vergänglichkeit und Geborgenheit angesiedelt ist.

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