Kaum etwas wird so aufmerksam betrachtet, kommentiert und bewertet wie der weibliche Körper. Und kaum etwas wird gleichzeitig einfach nur gesehen. Körperformen werden gelesen – als Aussage, als Symbol, als vermeintlicher Hinweis auf Persönlichkeit, Lebensstil oder sogar moralische Haltung.
Dabei sind Figurtypen zunächst einmal nichts weiter als eine Beschreibung von Proportionen: Schultern, Taille, Hüften, Linien. Und doch werden diese nüchternen Proportionen seit Jahrhunderten mit Bedeutungen aufgeladen, die weit über die Anatomie hinausgehen. Genau hier setzt meine kleine Serie an. Mir geht es am Ende nicht nur darum, welchem Figurtyp wir alle entsprechen. Es geht darum, unseren Körper zu verstehen, ihn und seine Eigenheiten zu respektieren und ihn mit Kleidung so zu inszenieren, dass wir uns darin wohlfühlen.
Nach der kurvigen A-Figur und der oft androgyn wirkenden H-Figur widme ich mich einem Figurtyp, der ebenso häufig diskutiert wie missverstanden wird: der so genannten I-Figur. Der I-Figurtyp zeichnet sich durch einen insgesamt sehr schlanken Körperbau aus. Schultern und Hüften sind etwa gleich breit oder die Schultern leicht dominanter. Die Taille ist wenig ausgeprägt, Rundungen treten insgesamt nur sehr zurückhaltend auf. Typisch sind eine kleine Oberweite sowie sehr schlanke Hüften, Beine und Arme, was sie von der geraden, "kastiger" sowie androgyn wirkenden "H"-Silhouette unterscheidet, die insgesamt flächiger und weniger grazil wirkt.
Die I-Silhouette wirkt hingegen geradlinig, gazellenartig, lang und reduziert. Kein Zufall also, dass genau dieser Figurtyp in der Modewelt immer wieder besonders präsent ist: Kleidung hängt an ihm wie auf einem Kleiderbügel, Linien und Schnitte werden hier am Besten sichtbar. Ein Grund, weshalb die meisten Laufstegmodels noch immer diesem Figurtyp entsprechen.

Doch wie so oft sagt die reine Proportion wenig über die gesellschaftlichen Bedeutungen aus, die darauf projiziert werden. Während kurvigere Körperformen historisch mit Fruchtbarkeit, Sinnlichkeit oder Weiblichkeit aufgeladen wurden, ruft die schmale I-Figur eine andere Art von Projektion hervor. Frauen mit diesem Figurtyp werden häufig mit Eigenschaften assoziiert, die mit dem Körper selbst wenig zu tun haben.
Ein kulturhistorisches Beispiel dafür ist der sogenannte "Heroin Chic" der 1990er Jahre, der genau diese extrem schlanke Silhouette mehr oder weniger ästhetisch inszenierte. Models wie Twiggy in den 1960er-Jahren oder später Kate Moss prägten das Bild dieses Figurtyps auf den Laufstegen. Doch auch hier gilt: Modebilder sind kulturelle Konstruktionen, keine biologischen Wahrheiten.

Interessanterweise werden Frauen mit I-Figur nicht selten sogar stärker angefeindet als ihre kurvigeren Schwestern. Der schmale Körper wirkt auf manche Betrachter irritierend... vielleicht, weil er sich ebenso wenig eindeutig in traditionelle Weiblichkeitsbilder einordnen lässt wie die androgyne H-Figur. Die Vorwürfe reichen dann schnell von "zu dünn" bis zu deutlich unschöneren Unterstellungen. Begriffe wie "Strich in der Landschaft", "Hungerhaken" oder gar Anspielungen auf Essstörungen und Drogenkonsum zeigen, wie aggressiv gesellschaftliche Reaktionen auf Körperformen ausfallen können, die von Normvorstellungen abweichen und denen möglicherweise auch mit Neid begegnet wird.
Frauen mit I-Figur wirken auf ihre Umwelt oft elegant, kühl, kontrolliert oder sogar stilisiert. Manchmal wird ihnen eine fast aristokratische Distanz zugeschrieben. Gleichzeitig löst der sehr schlanke Körperbau bei manchen Menschen Unsicherheit oder sogar Ablehnung aus - vermutlich, weil er gängige Vorstellungen von "gesund" oder "natürlich" herausfordert.
Typische Zuschreibungen wie etwa extrem diszipliniert, kontrolliert, asketisch und/oder emotionsarm sagen allerdings mehr über gesellschaftliche Normen aus als über die Menschen selbst, die in diesen Körpern leben. Denn eine der hartnäckigsten Illusionen unserer Zeit ist die Vorstellung, der menschliche Körper sei ausschließlich das Ergebnis von Willenskraft. Alles sei machbar und wer schlank sein will, müsse sich eben nur ein wenig disziplinieren. Wer kurvig ist, müsse "aufpassen". Und wer von beidem abweicht, dem ist vermutlich eh nicht mehr zu helfen...
Die Realität ist jedoch deutlich weniger moralisch verklärt: Körperformen sind zu einem großen Teil genetisch geprägt. Ich kenne Frauen, die ihre Chips und Schokoriegel mit Cola herunterspülten (zumindest vor den Wechseljahren 😂!) und trotzdem kein Gramm zunahmen. Ebenso andere, die jedes Kalorienetikett auswendig kannten, ein Paradebeispiel an Disziplin und Mäßigung darstellten - und dennoch nie dem aktuellen Ideal entsprachen. Fair ist das nicht unbedingt. Aber es ist halt Realität.
Und hier kommt das Styling sozusagen als kreatives Werkzeug ins Spiel. Stil ist nämlich kein Mittel zur Korrektur eines Körpers, sondern ein Instrument zur Gestaltung von Proportionen. Die I-Figur bringt dafür ideale Voraussetzungen mit: klare Linien, wenig Kurven und eine natürliche Eleganz.
Besonders harmonisch wirken an diesem Körper strukturierte Stoffe, Layering, Gürtel oder Taillenakzente, Volumen an Schultern oder Hüften, Drapierungen, Rüschen oder Volants. Diese Elemente können gezielt eingesetzt werden, um mehr Dimension und Bewegung in die Silhouette zu bringen. Ebenfalls sehr schön wirken Oversize-Looks, lange Blazer, Etui- oder Slipkleider sowie grafische Schnitte.
Kurz gesagt, die I-Figur kann hemmungslos aus dem Vollen schöpfen. Sie kann Mode tragen, die bei anderen Figurtypen schnell "zu viel" wirkt - ein nicht zu unterschätzender Vorteil!
Die I-Figur ist kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist eine Variante menschlicher Körperproportionen - nicht mehr und nicht weniger. Sie kann minimalistisch wirken, elegant, kühl oder avantgardistisch. Und wie bei allen Figurtypen gilt auch hier: die Wirkung entsteht nicht allein durch den Körper, sondern durch die Persönlichkeit, die ihn trägt.
Frauen mit I-Figur, lasst euch bitte weder von bösen Zungen noch von neidvollen Blicken irritieren. Geht euren Weg - selbstbewusst, entspannt und gerne auch mit einer Portion Stil. Oder anders gesagt: wenn ihr schon aussieht wie ein Supermodel, könnt ihr euch auch so anziehen...!
Hier meine wohlwollenden Styling-Empfehlungen nochmal zusammengefasst:

Figurtypen beschreiben Linien und Proportionen, nicht Menschen. Alles Weitere ist Interpretation, manchmal interessant, oft genug absurd. Nehmt also mit, was euch inspiriert, und lasst den Rest einfach liegen. Euer Körper kommt ohnehin mit euch nach Hause und am Ende gilt wie immer:
Seid gnädig mit ihm und freundlich zu eurem Spiegelbild -
und genauso wohlwollend mit den Körpern anderer Menschen.
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