Sunday Colors: Dankbarkeit
Es gibt ja wirklich eine beeindruckende Bandbreite an Dingen, über die ich mich problemlos täglich aufregen könnte. Der MVV streikt mal wieder. Eh klar. Und falls nicht, kommt mein Bus in die Arbeit trotzdem zu spät, zu früh oder gar nicht. Bin noch nicht wirklich hinter dieses fast schon künstlerisch anmutende Konzept gestiegen und glaube, dass ich wohl einfach zu schlicht gestrickt bin, um es zu begreifen. Egal. Außerdem hab ich zu viel Stress und zu wenig Freizeit. Und wenn ich dann endlich Freizeit habe, bin ich zu müde, um sie zu genießen. Manchmal bin ich sogar zu müde, um mich darüber aufzuregen. Gähn.
Nur noch ein paar Meter, dann schließe ich die Wohnungstür auf und mit einem simplen Klicken wird etwas Magisches passieren: ich lasse alles draußen. Allesallesalles. Die schlechten Gerüche. Das Gedränge. Das Geschubse. Die kreischenden Kinder, die genervten Mütter, die grölenden Jugendlichen, die grantelnden Alten, diese seltsame Mischung aus Distanzlosigkeit und emotionaler Kälte, die mich manchmal so hart erwischt und fast zum Heulen bringt (sind vermutlich auch die Hormone...).
Denn während ich mich noch darüber aufrege, dass der Bus zu spät kommt, gibt es Menschen, die halt ganz andere Probleme haben. Kinder, die mitten in dieser glänzenden Stadt auf engstem Raum leben müssen, mit der buckligen Verwandtschaft, die man sich doch nicht ausgesucht hat, in einem Zimmer, Matratzen auf dem Boden, weil für alles andere kein Platz mehr ist. Das Streiten, der laute Fernseher, der schale Geruch nach Essen und stickiger Luft, die Sorge, was wird und woher morgen bloß das Geld kommen soll, jeder Tag angefüllt mit Stress, Angst, Unsicherheit.
Von wegen "nach Hause kommen". Von wegen Geborgenheit. Ich denke auch an einen Jungen, den ich betreue. Er hat mir vor Kurzem voller Stolz erzählt, dass er jetzt ein eigenes Bett hat, nachdem die Familie eine größere Wohnung beziehen konnte. Ein eigenes Bett. Ja, ja, mag schon sein, dass sich das jetzt alles grauenhaft pathetisch und nach Springsteen's "no home, no job, no peace, no rest..." anhören mag - aber he, wenn's doch so ist. Ich wage jetzt mal zu behaupten, dass meine Freiheit, meine Ruhe und meine Selbstbestimmung längst kein Standard mehr sind. Auch nicht in diesem wohlhabenden Land. Sie sind ein Privileg.

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