Sunday Colors: Lesetag
Wenn es um Weihnachtsfeiern geht, liefern meine Arbeitgeber alle zwei Jahre zuverlässig ab: feine Menüs in hübschen Restaurants, gute Stimmung inklusive. Doch beim Thema Geschenke legen sie noch eine Schippe drauf. So gab es im vergangenen Jahr zunächst ein kleines, liebevoll aus Buchseiten gefaltetes Kunstwerk für den Schreibtisch, perfekt für Notizzettel oder Postkarten. Dazu einen Büchergutschein. Schon das war echt cool.
Der eigentliche Clou kam aber noch: ein zusätzlicher, bezahlter Lesetag. Ein ganzer Arbeitstag, reserviert fürs Schmökern - unabhängig vom Jahresurlaub. Denn ein Buch zu besitzen und es tatsächlich zu lesen, sind bekanntlich zwei verschiedene Projekte. Oder, wie Schopenhauer es formulierte: "Es wäre gut, Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte."
Meinen persönlichen Lesetag hab ich auf letzten Freitag gelegt. Zugegeben, das frühlingshafte Wetter hat ebenfalls meine ganze Aufmerksamkeit eingefordert, doch im Zentrum stand Rebecca Solnits „Umwege“, ein kluges Buch über Hoffnung als bewusste Entscheidung im Angesicht schlechter Nachrichten. Darum soll es hier aber gar nicht gehen, sondern ums Lesen selbst.
Denn ehrlich gesagt komm ich viel zu selten dazu. Nicht zuletzt wegen der digitalen Dauerbeschallung, von der ich selbstverständlich auch nicht frei bin. Sachbücher schaffe ich mal eben so zwischen Suppe und Kartoffeln (bin eine echte Schnell-Leserin), aber so wirklich und wahrhaftig mit Haut und Haaren in einen Roman einzutauchen, das gelingt mir kaum noch.
Ich weiß nicht... vielleicht fehlt mir die Ruhe, die Muße, vielleicht aber auch der Mut, mich ganz darin zu verlieren. Was, wenn ich aus der Geschichte nicht mehr rausfinde? Hört sich vielleicht selten dämlich an, aber ich hab zudem so ein Gefühl von Zeitverschwendung, "nur" zu lesen. Zeit, die ich möglicherweise auch anders und sinnvoller nutzen könnte.
Dabei war das früher definitiv anders. Als Kind habe ich Bücher verschlungen und ähnlich wie Nina Hagen - "...die Arztromane (...) mit 12 schon hinter mich gebracht - Mann, bin ich belesen, ey!". Lesen konnte ich übrigens längst noch vor der Einschulung, und zwar nicht aus pädagogischem Ehrgeiz meiner Eltern, hahaha, guter Witz, nein, mehr aus meiner eigenen Ungeduld heraus. Weil mir langweilig war. Kommt schon, außer Hörspielschallplatten (!) hatten wir ja nix... buhuhuuu. Mein Vater, damals Grundschullehrer, drückte mir auf mein Betteln hin ein Leseanfänger-Buch in die Hand - das war's dann aber auch von seiner Seite. Den Rest erledigte ich logischerweise selbst. DIY lag mir halt irgendwie schon immer 😂.
Heute lese ich übrigens so einiges: Automatenanzeigen, eine mögliche Zukunft aus vor mir liegenden Tarotkarten, oft genug die Unwahrheit aus unschuldig blickenden Kinderaugen, gelegentlich sogar die Wahrheit in oder auch zwischen den Zeilen der zugeneigten Kommentare meiner Posts. Doch beim eigentlichen Lesen, nämlich dem von Texten, verliere nicht nur ich, sondern auch unsere Gesellschaft allgemein zunehmend irgendwie den Anschluss.
Studien zeigen, dass rund jede fünfte Person in Deutschland einfache Sätze nur schwer versteht. Etwa 16 Prozent lesen gar keine Bücher mehr. Und selbst regelmäßige Leserinnen und Leser kommen im Schnitt nur auf 27 Minuten täglich, weniger als noch vor zehn Jahren.
Dabei ist Lesen bei weitem kein Selbstläufer. Unser Gehirn ist nicht von Natur aus darauf programmiert; es muss trainiert werden. Wer regelmäßig liest, stärkt sein Sprachzentrum wie einen Bizeps vor dem Spiegel im Fitness-Studio. Gerade und besonders im Kindesalter wirkt sich das positiv aus: Kinder, denen häufig vorgelesen wird, hören im Laufe der Jahre Millionen Wörter mehr als andere - mit spürbaren Folgen für Wortschatz und Bildungschancen.
Doch die Vorteile enden natürlich nicht mit der Schulzeit. Lesen verbessert auch bei Erwachsenen Konzentration, Sprachgefühl und Gedächtnis, erweitert kontinuierlich den Wortschatz und erleichtert das schnelle Erfassen komplexer Inhalte. Was man liest, ist dabei zweitrangig, entscheidend ist die Regelmäßigkeit.
Auch im digitalen Zeitalter bleibt diese Fähigkeit zentral. Audio- und Bildformate können vieles, aber tiefes Textverständnis ersetzen sie eben nicht. Lesen ist kein nostalgisches Hobby, sondern nachhaltiges Gehirntraining - in jedem Alter. Und es kostet im Grunde nur zwei Dinge: ein Buch und Zeit. Gerade deshalb war dieser geschenkte Lesetag vielleicht das wertvollste Präsent von allen.
Wie geht es euch so mit dem Lesen?









Das ist echt ein großartiges Geschenk, liebe Maren. Ein Lesetag.
AntwortenLöschenMir gehts wie Dir, ich lese einiges am Tag, aber kaum noch Bücher. Dabei stapeln die sich bei mir im Regal im SuB. Und ich habe ein schlechtes Gewissen... Ist ja auch irgendwie doof.
Hat Dein Lesetag Dir wieder zu mehr Lust am Buch verholfen?
Vielleicht muss ich mir selbst einen schenken?!
Herzlich,
Sieglinde