Sunday Colors: rote Rosen
Neulich saßen wir vor dem Eintreffen der Kinder in der HPT zusammen, als eine Kollegin halb lachend, halb seufzend sagte: "Wenn mein Mann ordentlich verdienen würde, müsste ich mich nicht mehr mit diesen Kids herumschlagen." Ich starrte sie an. Meine inneren Feminismus-Alarmglocken funktionieren manchmal mit leichter Zeitverzögerung. Während mein Gehirn also noch herauszufinden versuchte, ob das gerade ein Witz war, fiel es mir ein paar Sekunden später wie Schuppen aus den Haaren. Nope. Sie meinte das durchaus ernst. Wenn ihr Gatte genug verdienen würde, könnte sie einfach aufhören zu arbeiten. Äh...?
Was ist das - so eine Art ökonomische Retro-Romantik? Der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich um den Rest, und alle tun so, als hätten wir die letzten hundert Jahre gesellschaftlicher Entwicklung nur aus Versehen mitgemacht. Hurra!
Leider blieb es nicht bei diesem einen Moment. Vor einiger Zeit erzählte mir eine junge Bekannte (ebenfalls Sozialpädagogin... warum erwähne ich das? Weiß nicht, vielleicht einfach, weil ich's nicht glauben kann!) voller Vorfreude, dass es schon immer ihr Traum gewesen sei, nach der Hochzeit den Namen ihres Mannes anzunehmen. Sie sagte das mit dieser Mischung aus Sehnsucht und Selbstverständlichkeit, die mir deutlich machen sollte: davon träumen wir Frauen halt. A-ha. Und noch während mir leicht übel wurde, fragte ich mich, ob wir uns eigentlich noch bewusst sind, auf welchen Schultern wir stehen.
Und wie viele Rechte, Möglichkeiten und Freiheiten überhaupt erst hart erkämpft werden mussten, damit wir heute solche Entscheidungen überhaupt treffen können. Ich erlebe es in meinem Job mit allzu deutlicher, unromantischer Härte: die alten Rollenbilder sind wieder da! Vielleicht in neuem stylishen Gewand, aber doch so, als wären sie scheinbar nie wirklich weg gewesen.
Und dann wundern wir intelligenten, akademisch ausgebildeten Frauen - die den Kindern doch bestenfalls als pädagogische Role Models oder wenigstens als Projektionsflächen dienen - über Reaktionen von Minipaschas aka Muttersöhnchen, die uns in einer Selbstverständlichkeit, dass es einem die Schuhe auszieht, verklickern wollen, sie gerieten beim Aufräumen ihres Spielzeugs an die Grenzen der Ehre, weil das Zuhause schließlich auch die Mama macht. Is Weibersache, Bro.
Ich weiß im Übrigen auch ganz genau, weshalb mein Cortisolpegel deutlich höher als der meines männlichen Kollegen ausfällt, auch wenn ich möglicherweise weniger jammere (keine Zeit, Leute, keine Zeit!): weil ich als Frau noch immer die meisten Kämpfe auszufechten habe. Gegen eine Macht, die in den letzten Jahren immer stärker und interessanterweise viel weniger subtil auftritt als ich es je erlebt habe: Männliche Ehre ist wieder hip. Aus Freunden werden wieder Bros - mafiöse Strukturen sind cool und gefragter denn je. Mädchen haben zu diesem Klub natürlich keinen Zutritt, denen gegenüber verhält man sich allerhöchstens beschützend und ein bisschen gönnerhaft, denn die verkraften sonst ja auch nix. Die können ja noch nicht mal Fußball spielen.
Glaubt ihr nicht? Würd ich an eurer Stelle vermutlich auch nicht. Mag sein, dass es sich um das so genannte "bildungsferne Prekariat" handelt, mag sein, dass Kultur und Herkunft eine große Rolle spielen, aber ihr solltet bedenken, dass meine Klientel - im Kleinen - einen beträchtlichen Teil unserer Gesellschaft widerspiegelt. Davor die Augen zu verschließen, halte ich für einen gewaltigen Fehler. Daher bin ich mir meiner Vorbildfunktion sehr deutlich bewusst. Ich werd jedenfalls den Teufel tun und dieses System gar noch mit merkwürdig romantisierten Vorstellungen stützen, die direkt aus "Bridgerton" stammen könnten.
Womit wir beim Weltfrauentag und bei der Rose wären. Man denkt ja im Allgemeinen, eine Rose ist eine Rose ist... und so weiter, aber am 8. März scheint es in Deutschland jedes Jahr diesbezüglich ein kleines gesellschaftliches Missverständnis zu geben. Denn ob eine Rose eine Rose ist, ist wohl keineswegs so eindeutig, denn Unternehmen, Supermärkte, Gewerkschaften und manchmal sogar Banken entdecken einmal pro Jahr plötzlich ihre zarte Anerkennung für Frauen - rein symbolisch natürlich! -und drücken ihnen die zumeist labbrige Blüte in die Hand. Als Zeichen des Respekts. Hurra, endlich werden wir einmal wertgeschätzt!
Dummerweise hat die Zierpflanze eine erstaunlich begrenzte Wirkung auf strukturelle Ungleichheiten. Sie schließt die Lohnlücke nämlich nicht. Sie sorgt nicht dafür, dass Frauen in Führungsetagen plötzlich genauso selbstverständlich vertreten sind wie Männer. Der Weltfrauentag verkommt zur Fleurop-Geschäftsidee... zu einem Blumen-Event! Einer Art Valentinstag mit zu vernachlässigendem politischem Anstrich... they just wanna lay us down in an bed of roses.
Frauen gingen dereinst auf die Straße, um für unser Wahlrecht zu kämpfen, für die Gleichstellung von Mann und Frau, faire Löhne, politische Rechte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Aber ich bekomme inzwischen verstärkt das Gefühl, dass dieser kämpferische Hintergrund zwischen Social-Media-Kanälen, Rabattaktionen und Marketingkampagnen zum Weltfrauentag immer mehr verloren geht... aber hey! Was soll's. Für uns soll's rote Rosen regnen.
Frauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt noch immer deutlich weniger als Männer. In vielen Branchen sind Führungspositionen weiterhin überwiegend männlich besetzt. Gleichzeitig wird Care-Arbeit, also Kinderbetreuung, Pflege, Familienorganisation, nach wie vor größtenteils von Frauen geleistet. Vielleicht ist es genau das, was mich an der Rose am Weltfrauentag am meisten irritiert: sie ist so bequem. Eine Blume lässt sich leicht verteilen, fotografieren, posten, liken. Sie verändert zwar keine Strukturen... aber mei. Dafür duftet sie, tut niemandem weh und verwelkt schnell wieder.
Kaschmirpulli und Plisseerock: 2018/2019 (?)
Schuhe: Embassy London (2025)



Danke für diesen engagierten Post zum heutigen Weltfrauentag, liebe Maren. Der ist für mich tatsächlich ein Geschenk.
AntwortenLöschenViel besser als jede Rose, selbst die schönen von Mackintosh.
Ja, auf wessen Schultern stehen wir? Und wer wird auf unseren stehen?
Ich komme noch aus der Generation, in der Frauen u.a. die Erlaubnis ihres Mannes brauchten, um gegen Entgelt arbeiten zu gehen. Vieles wurde tatsächlich erst ab und in den 1970er Jahren in Richtung Gleichberechtigung der Frauen auf den Weg gebracht. Alles vergessen?
Ich freu mich, dass Du heute dran erinnerst.
Und, heute ist hier Kommunalwahl. Dass wir da mitwählen können, ist vielen engagierten Frauen vor uns zu verdanken!
Ich hoffe, viele Frauen gehen heute bewusst wählen!
Herzlich,
Sieglinde
Halleluja Maren, genau so ist es und ich glaube es Dir sofort! Bin froh, dass Du dagegensetzest, grad auch bei der Jugend. Mich alarmiert diese Entwicklung sehr.
AntwortenLöschenWir müssen uns das mal klar machen wohin das führt! Sofort den Wind aus den Segel nehmen. Mir geht es wie Sieglinde, ich feiere Dich heute für diesen Post. Ich bin froh dass meine Kinder das kapiert haben und gleichberechtigt leben und erziehen. Da gehts wirklich zusammen, Hand in Hand. Lucia sieht das auch nicht anders. Es wird ihr ja vorgelebt, die Gleichberechtigung. Frage mich jetzt nur, was wird den Kindern vorgelebt, die bei Dir solche Aussagen treffen?
Heute gehts auf alle Fälle wählen! Hmmm was werde ich dafür anziehen? 🤭😅 Kurve gekriegt. Deinen Look würde ich sofort tragen, ich liebe die Farben und Kette und Ring passen so schön zusammen. Orange ist einfach der Knaller.🧡 Ist es nicht herrlich, wenn man Souvenirs tragen kann aus Bangkok und London? Ich liebe es.
Ich wünsche Dir einen wunderschönen Sonntag, liebe Grüße Tina
Tja, auch ein Tag zum Ärgern, denn das, was du beschreibst, beobachte ich auch mit großer Sorge. Da habe ich mich doch gefreut, dass die Schule meiner Tochter sich in der zurückliegenden Woche nach Elisabeth Selbert benannt hat, für mich eine zu wenig beachtete ganz Große in der Geschichte der Frauenbewegung. Wie so viele andere, denen ich immer wieder versuche, Beachtung zu verschaffen. Deshalb gibt es auch heute keine Blumen, sondern einen Great-Women-Post bei mir.
AntwortenLöschenSonntagsgrüße, heute wieder ohne Alpenblick, dafür auf eine erblühende Magnolie!
Astrid
Deine tollen Bilder täuschen leider über den Ernst der Sache hinweg liebe Maren. Anscheinend gehen die Rollen von Frauen und Männern wieder Richtung Mittelalter. Wobei ich seinerzeit gern den Namen meines Mannes angenommen habe. Aber das ist eine andere Geschichte.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Sabine
Liebstige Maren,
AntwortenLöschendein Anzug ruft "FRÜÜÜHLING" und deine Tasche "ROSES AND TEARS" passt ja vom Titel her schon perfekt zum Thema. (Ist dir eigentlich aufgefallen, dass die Tasche am 5. Foto herzförmig erscheint? Wie schön!)
Rechtzeitig zum Frauentag flatterte mir eine Mail von #aufstehn ins Postfach, da heißt es (gekürzt) >>...schlechter bezahlt, von Gewalt betroffen, nicht ernst genommen – Frauen und weiblich gelesene Personen werden noch immer unfair behandelt und diskriminiert. Rechte Parteien ... befeuern diese Benachteiligung. Sie kürzen Gelder für Frauenhäuser oder Gewaltschutzprojekte und verbreiten ein veraltetes Frauenbild: Frauen sollen sich um Haushalt und Familie kümmern und Männern “den Rücken freihalten”...<< Es kommt also quasi "von allen Seiten" - einerseits von Menschen, die aus Kulturkreisen stammen, in denen der Mann einfach noch "Pascha" ist oder zu sein hat... und andererseits von deren größten Gegnern. Fast schon zum Lachen, wenn's nicht so zum Weinen wäre... Und ja, ich musste bei deiner jungen Bekannten, die den Namen ihres Zukünftigen annehmen will, auch an "Bridgerton" denken. Solche Serien sind halt irgendwie auch nicht gut für den Feminismus 😉 (Aber vielleicht hat sie ja auch einen Namen, den sie einfach fürchterlich findet 😅...)
Ganz lieber feminine Drückers,
Traude
Zuallererst muss ich sagen –Die Fotos sind absolut zeitschriftenreif, liebe Maren, einfach wunderbar! 💛
AntwortenLöschenDer Weltfrauentag erinnert uns ja jedes Jahr daran, dass vieles von dem, was wir heute als selbstverständlich empfinden, das Ergebnis der Kämpfe unserer Vorgängerinnen ist. Und gleichzeitig daran, dass noch längst nicht alles erreicht ist – wie du so treffend schreibst. Ich selbst habe meine Unabhängigkeit und Autonomie erlangt, aber einfach war dieser Weg nicht immer. Gerade deshalb finde ich es wichtig, dass wir weiterhin für die Sicherung von Rechten eintreten. Und eigentlich ist das ja kein „Frauenthema“ allein – auch Männer sind gefragt, wenn es um echte Gleichberechtigung geht.
Der Einsatz für Frauenrechte – zusammen mit vielen anderen gesellschaftlichen Kämpfen – stellt uns immer wieder vor die Aufgabe, Unterschiede anzuerkennen, ohne daraus Ungleichheit entstehen zu lassen. Und zur „Weltfrauentags-Rose“ - ein hübsches Symbol, nett gemeint, aber die eigentlichen Themen dahinter sind natürlich deutlich größer.
Danke für diesen wichtigen Denkanstoß!
Gruß & Kuss,
Claudia
So gut geschrieben Maren, danke dafür! <3
AntwortenLöschenIm Alltag ist es leider bemerkbar, das wir nur einen Schritt nach vorne, aber zwei Schritte zurück machen. In Österreich gibt es in Salzburg und Oberösterreich wieder "Herdprämie" für die brave Hausfrau, die daheim bleibt und die Kinder betreut. Ob die heute aber Blumen bekommen haben, wage ich zu bezweifeln.
Ich sende liebe Grüße zu dir <3
Ein hübsches Outfit, die Fotos sind großartig. Ich liebe deine Schuhe 😍
AntwortenLöschenGut, dass am Frauentag auch in den div. Blogs darauf Bezug genommen wird und auch bei dir! Wie immer interessant geschrieben.
AntwortenLöschenDass der Tag immer öfter als Geschäftsidee missbraucht wird, finde ich recht ärgerlich (ich mag auch den Valentinstag nicht). Ich habe nichts gegen Rosen oder Mimosen oder solche Kuchen, aber NUR Blümchen-verschenken verharmlost die Situation von Frauen weltweit.
Ich glaube, wenn junge Menschen wenig Ahnung von Feminismus, Patriarchat etc. haben, fallen sie auf konservative Gedanken auch leichter "herein". Der Freundeskreis, die Medien, Vorbilder in Serien, alles spielt mit. Dann kommen so Aussagen, wie du sie erlebt hast. Also braucht es mehr Aufklärung diesbezüglich...
Eineschöne Woche!
I love red. Wonderful top and skirt combo. This is a great styling.
AntwortenLöschenHappy 8th of March! Happy International Women's Day!
Liebe Maren, was Du hier schreibst kann ich nur voll unterstützen - Ich finde es unerträglich, daß es auch in sozialen Medien wieder rückwärts zu laufen beginnt. Machos wieder im Vormarsch und die Frauen wieder an den Herd. Wurde nicht seit nun schon über einem Jahrhundert um die Rechte der Frauen gekämpt und diese erobert. Und jetzt will sich Deine Kollegin auf ihren gute verdienenden Mann verlassen wollen....ich kann das nicht verstehen. Ich kann ja aus meiner weiblichen Rolle immer wieder auf die andere Seite wechseln, aber ich bin auch auf dieser Seite ein Verfechter der Frauenrechte und der Gleichberechtigung. Und Dein Vergleich mit den Rosen und dem Weltfrauentag ist genau zutreffend.
AntwortenLöschenUnd damit ich es auch noch erwähne....Das Outfit passt Dir hervorragend.
Alles Liebe und eine gute Zeit
Violetta
Wie recht du leider hast! Scheinbar haben einige Damen festgestellt, dass man sich auch als Frau die Hände schmutzig machen kann... dies aber äußerst unbequem ist. "Ich kann doch nicht so schwere Sachen anpacken. Schließlich bin ich eine Frau." - sowas bekomme ich leider nicht nur von Jüngeren zu hören und bekomme dabei Schnappatmung. Und die Männer sehen sich dann bestätigt in ihrem Möchtergern-Macho-Gehabe. Sogar das eigentlich ganz fortschrittliche Exemplar, dass ich mir geangelt hatte, schimpft darüber, dass sich manche Damen nur die Rosinen rauspicken wollen. Gleichberechtigung nur, solange sie bequem ist. Wir waren übrigens beide zu bequem, unseren Namen zu ändern 😉
AntwortenLöschenLiebe Grüße!
Ich finde den Weltfrauentag auch immer etwas... interessant? Der Tag bringt halt wenig, wenn wir immer noch weniger verdienen, als Männer. Und so viele Bereiche (Medizin zum Beispiel) auch noch komplett auf Männer ausgerichtet sind...
AntwortenLöschenIn meinem Bereich, werden zum Beispiel immer noch viel zu wenig Cover von Frauen fotografiert. Obwohl der Frauenanteil bei den Fotografen groß ist... Mal davon abgesehen, dass die gutgezahlten Kampagnen auch noch gerne an die Herren gehen.
Na ja, und auf Social Media wundert mich zu dem Thema ja eh mittlerweile einiges. :D